Zahlenblog:

5,6 % mehr für Metaller?

31.05.2013 - Im Kölner Stadtanzeiger vom 16.05.2013 prangte mir entgegen: „Metaller bekommen mehr Geld – Steigerung von 5,6 Prozent in 20 Monaten auch in NRW“. Das scheint mir eine schöne Zahlenmogelei zu sein, denn reale 5,6 % Lohnzuwachs dürften anders aussehen. Auf der Website der IG Metall fanden sich neben den einzelnen Komponenten der Tarifeinigung ebenfalls die 5,6 % („in der zweiten Stufe“). Das hat mich als Gewerkschafter zur solidarischen Kritik bewogen. Meinen Brief an die IG-Metall stelle ich „Lügen mit Zahlen“ gerne als Leserbrief zur Verfügung.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Herzlichen Glückwunsch zu einem Abschluss, der zumindest etwas über der Inflationsrate liegt und den Beschäftigen zumindest einen kleinen Anteil am Produktivitätszuwachs sichert. Doch ist es nicht Etikettenschwindel, wenn jetzt auch die IG Metal verbreitet oder zumindest durchblicken lässt, es sei „in der zweiten Stufe“ ein Abschluss von 5,6 % erzielt worden? Wie viel ist diese auf den ersten Blick so bombastisch erscheinende Zahl wirklich wert?

Es gibt zunächst zwei „Leermonate“, dann 3,4 Prozent ab Juli diesen Jahres und weitere 2,2 Prozent ab Mai 2014. Die Laufzeit beträgt 20 Monate. Das sollen also 5,6% sein? Auf dieses Ergebnis kommt man nur, wenn man ganz naiv zwei der genannten Bausteine summiert und die beiden anderen ignoriert. Von einigen Rechenkünstlern abgesehen, werden die Wenigsten auf Anhieb ermitteln können, ob es sich bei dem ganzen Konglomerat aus Sicht der Beschäftigten nun um einen guten oder einen schlechten Abschluss handelt. Alle Referenz- und Bezugsgrößen, die man für eine ernsthafte Betrachtung benötigt (Inflationsrate, Entwicklung BIP, Produktivitätsfortschritt usw.), beziehen sich nämlich auf Zwölfmonatszeiträume und kennen keine „Leermonate“. 5,6% Lohnzuwachs sehen jedenfalls anders aus.

Eine klare und ehrliche Rechnung für einen Tarifabschluss wären z. B. 3% ohne wenn und aber für die 12 Monate nach Ablauf des alten Tarifabschlusses. Sieht sich die IG Metall genötigt auf Wünsche der Arbeitgeber einer längeren Laufzeit zuzustimmen, könnten für die nächsten 12 Monate weitere 3 % gleich mitvereinbart werden. Das wären dann real jeweils 3 % mehr pro Jahr, eine klare nachvollziehbare Sache.

Klare Rechengrößen scheinen nicht in den neoliberalen Mainstreem zu passen. Dieser propagiert zwar ständig, die ach so freien Kräfte des Marktes entscheiden zu lassen, bringt aber gleichzeitig Akteure hervor, die beträchtliche Kräfte aufwenden eine wirkliche Markttransparenz nachhaltig zu verhindern. Jeder, der sich in den Tarifdschungel privatisierter Telekommunikationsanbieter oder Energieversorger begeben hat und dort Preise vergleichen wollte, weiß wovon ich rede.

Die IG Metall hat sich durchaus Verdienste erworben, indem sie dazu beigetragen hat die neoliberalen Blütenträume nicht noch weiter in den Himmel wachsen lassen. Sie sollte sich daher nicht aus Gründen einer besseren Performance an Zahlenspielereien beteiligen, sondern lieber Verblendungszusammenhänge aufzeigen und kritisieren.

Mit freundlichen Grüßen
Uwe Hass, Köln

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Lieber Uwe,
danke für das interessante Beispiel. Inhaltlich gebe ich dir recht, dass diese Konglomeratrechnungen ziemlich verwirrend sind. Sie scheint andererseits aber auch “ein bisschen” zu stimmen: Denn zum Zeitpunkt Mai 2014 sind die Löhne doch wirklich um 5,4 % höher als heute, oder?

Herzliche Grüße
Jens

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Lieber Jens,

vielen Dank Dank für Dein Feed-back. Was die IG Metall zum Tarifabschluss verbreitet, stimmt auch meiner Meinung nach durchaus “ein bisschen”. Es ist aber nicht die ganze Wahrheit. Ich würde es auch nicht “Lügen mit Zahlen”, sondern eher “Schönfärben mit Zahlen” nennen. Meine Sympathien haben die Kolleginnen und Kollegen sowieso. Allerdings möchte ich Ihnen nicht durchgehen lassen, was ich meiner Sparkassenfiliale auch nicht durchgehen lassen würde, wenn die kämen und sagten: “Wir haben hier ein ganz tolles Angebot. Sie bekommen 5,4 % Zinsen auf Ihre Spargroschen. Allerdings gibt es für die ersten beiden Monate nichts und dann in zwei Stufen 3,4 und 2,2 % auf 20 Monate”. Da würde ich sofort sagen: “Das ist mir viel zu intransparent. Nennen Sie mir bitte den effektiven Jahreszins, sonst kann ich Ihr Angebot nicht mit dem anderer Banken vergleichen”.

Herzliche Grüße
Uwe

PS: Der Vollständigkeit halber füge ich noch die Stellungnahme der IG Metall bei, deren Tarifsekretariat freundlicherweise geantwortet hat.

Guten Tag Kollege Haß,

und vielen Dank für den Glückwunsch!

Sicherlich ist es nicht leicht, einen Abschluss zu vermitteln der mit 2 Nullmonaten beginnt und eine deutlich längere Laufzeit hat, als gefordert.
Ich finde aber, auf unserer Homepage wird das Ergebnis schon sehr ordentlich dargestellt.

Die Betrachtung, dass die aktuellen Entgelttabellen ab Juli um 3,4 % angehoben werden und im Mai 2014 um weitere 2,2 % – zum 1. Mai 2014 also um insgesamt 5,6 % halte ich dahingehend für zulässig, als dass diese Tabellenwerte die Basis für die kommenden Tarifverhandlungen bilden.

Die Auffassung, dass Rechenkunststückchen nicht angebracht sind, teile ich. Offen gestanden, sind mir diese bislang aber auch noch nicht untergekommen.

Schöne Grüße
Georg Schulz, IG-Metall-Vorstand, Frankfurt