Zahlenblog:

Zensus 2011: Bevölkerung kleiner als angenommen - vor allem weniger Alte

31.05.2013 - Am 31. Mai 2013 hat das Statistische Bundesamt die Ergebnisse des Zensus 2011 bekannt gegeben. Nach dieser Bevölkerungszählung auf Basis einer Knapp-10%-Stichprobe leben in Deutschland ca. 1,5 Millionen Menschen weniger als bisher angenommen. Schauen wir uns das mal genauer an! Die meisten Melderegisterleichen wurden bei den 75-Jährigen und Älteren gefunden. Diese Gruppe ist demnach um 4,6 % kleiner als vorher geschätzt.

Zum Zensus 2011 erschien heute morgen vorbereitend ein längerer Artikel in den VDI-Nachrichten (S. 5, steht leider nicht im Netz).

Kurz zusammen gefasst (vor Kenntnis der vorgetragenen Zahlen):

1. Die Bevölkerungszahlen sind wichtig für Finanzausgleiche (u.a. auch europaweit), Sitze im Bundestag, Bundesrat, Landtag, Kreistag usw., Planung von Versorgeeinrichtungen, Gehälter hoher Beamter und vieles mehr.

2. Die Erfassung mit einer Stichprobe in 2011 war überfällig und eine riesige Arbeit in Konzeption und Durchführung. Deshalb dank an das Amt.

3. Aus den unter 1 genannten Gründen ist klar, dass es große Interessen gibt, die regionale Bevölkerungszahl “positiv zu runden”. Z. B. indem man nicht jedem Verdacht auf eine Melderegisterleiche sofort nachgeht. Dieser Effekt war schon bei der letzten totalen Volkszählung 1987 in Westdeutschland zu beobachten und führt prinzipiell auch jetzt noch zu einer zu hohen Zahl.

4. Verwunderlich ist, dass ab 2003 mit Modellrechnungen zur Entwicklung bis 2050 und 2060 sehr viel Wirbel veranstaltet wurde. Immerhin musste man aufgrund des Zensustestes 2001 erwarten, dass die existierende Bevölkerung um 1 bis 2 Millionen überschätzt wurde. Und diese falschen Daten wurden wissentlich als Rechengrundlage genommen! Hier bin ich auf eine Erklärung des StaBu gespannt.

5. Wenn die Bevölkerung kleiner als angenommen ist, gilt das auch für die errechnete Lebenserwartung: Die Sterbewahrscheinlichkeiten sind dann höher als bisher angenommen, da der Nenner kleiner ist. Hier muss das Bundesamt schnell liefern.

6. Es handelt sich hier nicht um eine “Schrumpfung Deutschlands”, sondern um eine Korrektur schon lange existierender Fehler. Wir waren schon lange weniger in Deutschland, und das war nicht das Problem. In der meisten Zeit haben nicht Menschen, sondern Arbeits- und Ausbildungsplätze für die weniger Menschen gefehlt. (Beleg: Rund ein Viertel aller Melderegisterleichen waren beim Zensustest in NRW schon aus der Zeit vor 1987!)

Da ich bei der Auswertung der Volkszählung von 1987 im Statistischen Bundesamt mitgearbeitet habe, konnte ich die neuen Sachen recht gut einordnen.

Sensationeller Datenfund: Gruppe der Älteren ab 75 wurde massiv überschätzt

Bei einer schnellen Datensicht der StaBu-Quelle,,, habe ich eine gravierende Abweichungen in der Altersstruktur der Bevölkerung zu den bisherigen Annahmen gefunden:

Die Gruppe der 75-Jährigen und älter ist nach dem neuen Stand knapp 4,6% kleiner als bisher für den 31.12.2011 angenommen. Das ist die mit Abstand größte Abweichung in einer Altersgruppe! Auch die Gruppe der 50 bis unter 65-Jährigen wurde mit 3,2% massiv überschätzt! Dafür war die Gruppe der 6 bis unter 18-Jährigen um 0,1% unterschätzt worden. (Im Schnitt war die Überschätzung im Vergleich zu 31.12.2011 knapp 2%).

Wie der Präsident diese Verjüngung mit der Bemerkung “Mit den neuen Einwohnerzahlen hat sich die Altersstruktur nicht gravierend verändert.” kommentieren kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Spannend wird auch der Detailblick auf die Gruppe 90+, die wahrscheinlich ganz massiv überschätzt wurde.

Die etwas anderen Zahlen der Pressemitteilung des StaBu von heute liegen an der Vergleichsbevölkerung. Bei mir: bisherige Zahlen zum 31.12.2011; beim StaBu: “wie bisher angenommen”. Bei Bedarf dort fragen (alte Zahlen zu Mai 2011 oder zu heute?).

Gerd Bosbach, Köln, 31.5.2013