Zahlenblog:

Der "dramatische" Apothekenschwund

29.05.2012 - Sehr geehrte Herren Bosbach und Korff,
diese Graphik, die das Handelsblatt unlängst veröffentlichte, könnte irreführender kaum sein:
Überschrieben mit "Apothekenschwund" sieht der Zeitungsleser vier Balken, die die Zahl der Apotheken in Deutschland (am Ende der Jahre 2008-2011) visualisieren sollen. Es entsteht der Eindruck, dass es in Deutschland in der Tat einen massiven Apothekenschwund gibt:

Der Balken für 2008 ist etwa doppelt so hoch wie der für 2011. Auch wenn die Zahlen auf den Balken angegeben sind und die abgeschnittene y-Achse mit einer 20.000 versehen ist, ist das gesamte Ausmaß der Irreführung für den Zeitungsleser selbt bei genauem Hinsehen nicht zu erkennen, weil ihm Informationen vorenthalten werden: Nicht nur das Abschneiden der y-Achse trägt zu dem dramatischen Eindruck eines “Apothekenschwundes” bei, das Abschneiden der x-Achse führt hier zusätzlich in die Irre. Die von der “ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände” stammenden Zahlen (siehe die Quellenangabe der Graphik) werden von den Lobbyisten selbst tatsächlich weniger dramatisch aufbereitet dargestellt, als vom Handelsblatt:
Siehe PDF

Hier wird sofort deutlich, dass es zunächst einen leichten Anstieg der Apothekenzahl über mehrere Jahre gab (2004-2008; der wird in der Handelsblatt-Graphik unterschlagen), nachdem die Zahl dann wieder zurückging und nur minimal unter die in der Darstellung erstgenannte Zahl fällt (2003: 21305; 2011:21238; das sind 67 Apotheken weniger und damit eine Veränderung von -0,3%). Die von mir korrigierte Graphik vermeidet die angesprochenen Mängel und macht vor allem eines deutlich: die Zahl der Apotheken in Deutschland ist in den letzten Jahren sehr stabil gewesen.

Entdecker der merkwürdigen Handelsblatt-Graphik ist Karsten Wenzlaff

Mit freundlichen Grüßen
Sebastian E. Wenz, Diplom-Sozialwissenschaftler,
Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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Lieber Herr Wenz,
besten Dank für das eindrucksvolle Beispiel. In der Tat ein extremer Fall von abgeschnittener y-Achse, typisch für das Aufbauschen von “Problemen”, die in Wirklichkeit keine sind.
Mit freundlichen Grüßen
Jens J. Korff