Zahlenblog:

Der Kampf ums Kuchenstück

20.12.2013 - Leser Herbert Neher aus Karlsruhe hat nicht nur Lob anzubringen, sondern auch zwei Zusatzfragen zum Thema Aufstocker und zur Frage, ob das Kuchenstück, das pro Nase verteilt werden kann, schrumpft oder wächst.

hallo herr bosbach, hallo herr korff,

ein tolles buch haben sie vorgelegt. die schreibe ist echt verstaendlich und locker, ein bisschen wie der steuerratgeber konz. sehr angenehm zu lesen. selbst mathematische nieten wie ich eilen von einem zum anderen erfolgserlebnis, weil sie wieder was gelernt haben.

eine sache ist mir noch nicht ganz klar. sie schreiben auf seite 214, 22 ff, ueber 1,3 mill. menschen muessten aufstocken. sie stellten einen kostenfaktor von jaehrlich (stand 2009) 9,3 milliarden euro. flugs den dreisatz angewendet (komplizierteres ist mir nicht gegeben), ergibt das pro person 596,15 euro. ich nehme also an, in der von ihnen genannten summe sind weitere sozialleistungen enthalten. welche? ihre vorgelegten zahlen sind leider nicht sehr aufschlussreich. koennen sie da noch was nachliefern? so waere es mir ein beduerfnis, zu erfahren, wieviel sozialleistungen sich die allgemeinheit spart, wenn ein mensch aufstockt, statt ganztaegig daheim zu bleiben. sie merken, ich bin ein gelehriger schueler und versuche, yang nicht ohne yin zu sehen.

ihr beispiel mit dem kuchenstueck auf seite 242/243 ist genial. sie sagen, „der kuchen der produkte und dienstleistungen, die wir erzeugen, wird also groesser“. weiter: „alle bevoelkerungsexperten sind sich einig, dass die bevoelkerungszahl in deutschland abnimmt“. ich habe nicht verstanden, warum „erzeuger“ und „bevoelkerung“ von ihnen gleichgesetzt werden. wie hat sich die zahl der erwerbstaetigen entwickelt? hat sie sich erhoeht? ist die zahl der zu verteilenden kuchenstuecke also in wirklichkeit angestiegen? ein paar zusaetzliche infos waeren hilfreich gewesen. so kann ich ihren ausfuehrungen nur glauben, nicht aber sie nachvollziehen. oder sie haben mir eine wichtige information vorenthalten.

tut mir leid, dass ich bei diesen zwei punkten skeptisch bin. ihr buch war wirklich ein gewinn fuer mich. ich freue mich schon auf das naechste!

mit freundlichen gruessen
herbert neher

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Sehr geehrter Herr Neher,
erst Mal vielen Dank für das viele Lob und für das kritische Lesen.

Ja in der Tat sind viele Fakten nur angerissen, aber daraus genau ergibt sich die Lesbarkeit. Hätten wir alles vertieft, wäre das Buch tausende Seiten stark, sehr schwer lesbar und noch nicht erschienen. Gerade bei Hartz IV haben wir ein paar Sätze vor Ihrer zitierten Stelle auf Komplexität und Fachliteratur verwiesen. Auch zu den Aufstockern haben wir eine Quelle angegeben, aus der wahrscheinlich mehr zu holen ist. Da ich zur Zeit zu zwei anderen Themen forsche – neben der Lehre – kann ich mich leider dort nicht vertiefen. (Wahrscheinlich gute Quellen für eigene Forschungen: IAB, IAQ, BA, Bundesministerium für Arbeit).

Zum Kuchen:
Erzeuger und Bevölkerung wurde gleich gesetzt, da die gesamte Bevölkerung im Wesentlichen immer von dem aktuell erzeugten Produkten und Dienstleistungen lebt, also dem, was die Erzeuger herstellen (oder gegen Hergestelltes tauschen). Der volkswirtschaftlich betrachtete Kuchen (erstellt und verzehrt/verteilt), meist gemessen im BIP wächst bis auf wenige Ausnahmejahre. Dabei ist es nicht erheblich, ob das von mehr Menschen, mit mehr Arbeit der Menschen oder durch erhöhte Produktivität passiert ist. Der Kuchen ist hergestellt und kann verteilt werden. Man sollte hier aufpassen, volkswirtschaftliche Denkweisen nicht mit einzelwirtschaftlichen zu vermischen. Was einzelwirtschaftlich sinnvoll erscheinen kann, braucht volkswirtschaftlich nicht von Nutzen zu sein.

Hoffe Ihnen geholfen zu haben.
Freundliche Grüße
Gerd Bosbach
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Hallo Herr Neher,
auch von mir einen herzlichen Dank für Ihr Lob!

Ihrer Frage nach der Zusammensetzung der Leistungen für Aufstocker werden wir bei Gelegenheit nachgehen.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Staat und Sozialkassen für Aufstocker weniger zahlen als sie für Vollzeit-Arbeitslose zahlen würden. Wir bezweifeln aber, dass dieser Umstand die Niedriglöhne rechtfertigt. Wir sehen darin eine Subvention für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.

Zum Kuchenbeispiel von meiner Seite noch folgende Überlegung, die aber nur das, was Gerd Bosbach schon gesagt hat, mit anderen Worten wiederholt:
Es ging uns in der Betrachtung nicht darum, wer den Kuchen produziert, sondern nur darum, wie viel Kuchen da ist und auf wie viele Personen er verteilt werden soll. Verteilt wird er (idealerweise) an alle, also an Produzenten wie an Leute, die selber nichts produzieren (Kinder, Rentner usw.). Das Bruttoinlandsprodukt wächst in der Regel, der Kuchen wird also größer. (Das kann daran liegen, dass die Zahl der Erwerbstätigen steigt, oder daran, dass ihre Produktivität steigt. Für unsere Betrachtung ist das ohne Bedeutung.) Gleichzeitig nimmt die Bevölkerung ab und damit die Zahl der Gäste, auf die der Kuchen verteilt wird. Also müssten die Kuchenstücke pro Gast größer werden und nicht kleiner; die Gäste dürfen ihren Gürtel weiter schnallen und nicht enger. Ob das ihrer Gesundheit zuträglich ist (will sagen: ob das ständige Wachstum des BIP z. B. der Umwelt zuträglich ist), lassen wir hier mal dahingestellt. Jene gut bezahlten Verzichtsapostel, die uns seit Jahren das Gegenteil weismachen wollen, haben demnach Unrecht.

Mit freundlichen Grüßen
Jens J. Korff M. A.
Historiker und Sachbuchautor