Zahlenblog:

Die Riester-Lüge

27.08.2014 - Unser Leser Christoph Mischke hat Gerd Bosbachs Argumentation im WDR-Film „Die Riester-Lüge“ verfolgt und einige kritische Fragen dazu gestellt. Gerd Bosbach antwortet ihm.

Sehr geehrter Herr Bosbach,

ich bin über den Film Die Riester-Lüge auf Ihre Studie “Demografische Entwicklung – kein Anlass zur Dramatik” gestoßen.

Da ich mich sehr für das Thema interessiere, ich in einigen Punkten aber (evtl. aus Unwissenheit) nicht mit allen Ihren Argumenten übereinstimme, würde ich mich freuen, wenn Sie mir meine Fragen und Anmerkungen zu Ihrer Studie beantworten könnten.

Meine folgenden Fragen beziehen sich auf das Dokument unter Nachdenkseiten

Ihr Argument 4: Auch die Jungen wollen ernährt werden!
Sie berechnen, dass die Steigerung der zu unterstützenden Personen insgesamt nur 37% beträgt. Dabei vernachlässigen Sie meiner Meinung nach, dass ein Kind/Jugendlicher mit einem sehr viel geringeren Betrag unterstützt werden muss als ein Rentner.

Ein Kind kostet in den ersten 18 Lebensjahren je nach Berechnung monatlich grob zwischen 526 Euro (Welt) über 541 (T-Online) und 584 Euro (Spiegel). Grob im Durchschnitt also 550 Euro.

Die Renten sind jedoch z.T. sehr viel höher (Spiegel). Ich habe keine exakte Zahl auf die Schnelle gefunden, aber überschlagsmäßig liegt die durchschnittliche Rente aus der o.g. Quelle eher bei 750-800 Euro.

Meiner Meinung nach ist es also unzulässig, die reine Anzahl der versorgenden Personen gegenüberzustellen, ohne die Höhe der Bezüge mit einzubeziehen. Denn dann wäre die Kostensteigerung (und das impliziert Ihre Berechnung) nicht 37%, sondern um einiges höher.
Wie sehen Sie das?

Da haben Sie Recht. Aber Kinder- und Jugendliche gar nicht zu berücksichtigen,wie es die Anderen machen, ist noch schlimmer. Ich habe keine glaubhaften Daten zu Ausgaben für Jung und Alt gefunden. Entweder wurde für die Kinder die staatliche Seite unterschätzt (von der Geburtsklinik, über Schulen, Hochschulen und Ihr Lehrpersonal (inkl. Pension!), …) oder die Ausgaben der Eltern (inkl. entfallene Einnahmen durch Kinderbetreuung, entgangene berufliche Aufstiege, …). Bei den Alten wurde nie berücksichtigt, was die von ihren Einnahmen für Zuwendungen (inkl. der Vererbung!!!) gar nicht für sich, sondern für Ihre Kinder und Enkel gebrauchten. Also habe ich Menschen gerechnet, wie es bis in 1990er Jahre auch amtlich üblich war. (Jugend+Altenquotient ergibt den Gesamt(belastungs)quotienten. Später bin ich auch noch weiter gegangen, für die mittlere Generation gilt sicherlich ein Faktor größer 1 bei den Ausgaben im Vergleich zu den Alten.)

Ihr Argument 5: Wir werden länger arbeiten.
Sie haben natürlich Recht, dass deine längere Lebensarbeitszeit eigentlich unvermeidbar wäre. Dass die Politik Unvermeidbarkeiten aber leider selten interessiert, sieht man an der aktuellen Verringerung des Rentenalters für bestimmte Arbeitnehmer.

Seit dem ist das durchschnittliche reale Renteneintrittsalter auch schon von 61 auf 63 gestiegen. Es wäre auch noch höher, wenn der Arbeitsmarkt Ältere bräuchte.

Und leider sehe ich auch für kommende Regierungen pessimistisch in die Zukunft. Je mehr Alte es gibt, umso mehr geht die Politik in diesem Klientel auf Stimmenfang. Da macht sich eine Erhöhung des Renteneintrittsalters im Wahlkampf (oder auch für den Wahlkampf der nächsten Legislaturperiode) eher schlecht.
Ganz ehrlich: haben Sie berechtigte Hoffnungen, dass die Politik das Renteneintrittsalter (sinnigerweise) nach hinten verschiebt?

Hat Sie doch schon, auf 67. Und die Rente ab 63 gilt nur für einen kleiner werden Teil und auch nur ganz kurz. Dann steigt diese Grenze langsam auf 65.

Und selbst wenn es so kommt, zeigen Ihre Zahlen immer noch eine Erhöhung der Kosten (wiederum sind die Kosten höher als bei Ihnen aufgezeigt, s. meine Argumentation zu Argument 4).

Argument 6: Produktivität erlaubt mehr Rentner.
In Ihrer Beispielrechnung des Arbeitnehmers mit 3.000 Euro hat sich meiner Meinung nach ein Rechenfehler oder eine falsche Annahme eingeschlichen.
Zunächst gehen Sie einfach davon aus, dass jeder Beschäftigte seinen Anteil an seiner Produktivitätssteigerung erhält.

Das passiert nicht. Dann ist das aber kein Problem der Demografie, sondern der gesellschaftlichen Umverteilung! Wenn Sie die für die Zukunft annehmen, dann bekommen wir wirklich Probleme. Aber das ist ja kein Naturgesetz. (hier empfehle ich Nachdenkseiten)

Gibt es dafür Anhaltspunkte, oder gehen Sie hierbei von einer idealen Welt aus? Gerade in den letzten Jahrzehnten lag die Lohnentwicklung sogar unter der Inflationsrate, obwohl die Produktivitätssteigerung rund 20% betrug (Friedrich Ebert Stiftung, Seite 18).

Der noch größere Fehler liegt aber im Satz “Nach der niedrigeren Annahme der Produktivitätssteigerung um 1,25% (Herzog-Kommission) würden aus den 3000 Euro inflationsbereinigt 50 Jahre später 5.583 €.”. Dieser Betrag von 5.583 Euro ist aber NICHT inflationsbereinigt, soweit ich weiß, da die Produktivitätssteigerung ja nichts mit der Inflation zu tun hat. Es erfolgt also (unter der optimistischen Annahme, dass die Produktivitätssteigerung direkt dem Arbeitnehmer zugute kommt) eine Steigerung des Lohns um 1,25%, und eine Reallohnabsenkung aufgrund der höheren Inflation.

Einzig, wenn die Produktivitätssteigerung ZUSÄTZLICH zum Inflationsausgleich den Lohn anheben würde, würde das Beispiel also passen. Wir sprechen hier also von nötigen Lohnsteigerungen von 3-5% jährlich. Solche Abschlüsse gibt es nach meiner Erfahrung nur höchst selten. Außerdem wissen wir ja, dass es in den letzten Jahrzehnten zu einer Reallohnsenkung (trotz Produktivitätssteigerung) kam, nicht zu einer -steigerung. Zeichen, dass sich dies ab jetzt ändern wird, habe ich leider noch nicht gesehen.

Habe ich Recht mit meiner Annahme zu diesem Fehler, oder übersehe ich etwas?

Ihre anderen Argumente sind hingegen sehr schlüssig. Dennoch führen die oben angeführten meiner Meinung nach falschen Berechnungen und Annahmen daher am Ende zum falschen Schluss, dass wir gar kein wirkliches Problem haben, was ich leider anders sehe/befürchte. Dennoch ist es wichtig, dass sich Menschen wie Sie diesem Thema nähern und eine Diskussion in Gang setzen.
Ich freue mich auf Ihre Meinung zu meinen Argumenten.

Viele Grüße,
Christoph Mischke

In meinen Vorträgen habe ich eine Liste, welche gesellschaftlichen Faktoren wichtiger wirken als die Demografie. Genau das wird übersehen und fast nur mit der Demografie argumentiert! Wenn die Demografie so wichtig wäre, wären die Leute 1900 besser dran gewesen als heute, stände Bangladesch, Nigeria, Sudan, … besser da als Norwegen, Deutschland, … und Frankreich ginge es mit seinen 2 Kindern pro Frau deutlich besser als Deutschland mit 1,4. Demografie wird überbetont, um die anderen Faktoren aus dem Blickfeld zu nehmen. Letztes Beispiel: “Demografisch bedingter Ärztemangel” übersieht, dass der Numerus Clausus (NC) 10.000e von existierenden jungen Menschen vom Medizinstudium abhält. Die wandern doch schon nach Österreich ab, da sie hier keine Chance haben. Grund: Zu wenig Ausgaben für Bildung und Soziales, nicht die fehlenden jungen Menschen.

Viele Grüße Gerd Bosbach