Zahlenblog: Wahrscheinlichkeiten

Die Wahrscheinlichkeit eines GAU

16.03.2011 - Nach Angaben der Atomindustrie war eine Kernschmelze in einem Atomreaktor stets dermaßen unwahrscheinlich, dass es sich kaum lohnte, über so etwas auch nur eine Sekunde lang nachzudenken. Wie kommt es dann, dass wir nach Harrisburg und Tschernobyl nun zum dritten Mal so etwas erleben müssen?

Man kann es jetzt an einem Detail aus Fukushima studieren: Die betroffenen Reaktoren haben jeweils drei Notstromaggregate. Die Statistiker der Atomindustrie pflegten in so einem Fall vorzurechnen: Die Wahrscheinlichkeit, dass einer davon im Notfall ausfällt, beträgt (fiktive Zahl) 1:100.000. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle drei gleichzeitig ausfallen, beträgt also 1:100.000 * 1:100.000 * 1:100.000 = 1:1.000.000.000.000.000 (eins zu 1 Billiarde).

So eine Rechnung stimmt nur dann, wenn alle drei Aggregate vollkommen unabhängig voneinander sind. Dummerweise ist so etwas möglich wie ein Tsunami: ein einziges Ereignis setzt alle drei Aggregate auf einmal außer Gefecht. Und schon sind die Atomtechniker mit ihrem Latein am Ende. Für so etwas ist noch nicht einmal ein Tsunami nötig. Es reicht auch eine Schlamperei. Ein Techniker soll alle drei Aggregate hintereinander warten. Leider geht ihm schon beim ersten ein wichtiges Werkzeug kaputt. Also improvisiert er mit einem ungeeigneten Werkzeug. Und baut auf diese Weise in alle drei Aggregate den gleichen Fehler ein. So ein Szenario mag recht unwahrscheinlich sein – aber es ist bestimmt erheblich wahrscheinlicher als 1 zu 1 Billiarde.

Dazu kommt ein weiterer Effekt, den die Atomlobby gerne verschweigt: Die rund 450 Atomreaktoren, die es auf der Welt gibt, kommen zusammen bereits auf, sagen wir, 13.500 Betriebsjahre (bei 30 Jahren pro Reaktor). Wenn also etwas statistisch nur alle 20.000 Betriebsjahre vorkommt, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es in einem der 450 Reaktoren alsbald tatsächlich passiert.

Jens Jürgen Korff

SZ 16.03.2011: Das letzte Kommando gegen den Super-GAU