Zahlenblog: EU,Euro

Wieder aktuell: die Zahlmeister Europas

23.10.2011 - BILD wiederholte am 25.3.2011 die sattsam bekannte Phrase "Wir sind die Zahlmeister Europas". Aber auch DIE ZEIT untertitelte ihre Meldung über den Euro-Rettungsschirm, auf den man sich einigte, mit ähnlicher Botschaft: "Der neue Euro-Rettungsfonds verfügt über 700 Milliarden Euro - Deutschland wird 27 Prozent tragen. Die Lastenverteilung kommt ärmeren EU-Staaten zugute." Ähnliche Darstellungen von Politikern sind Ihnen sicherlich auch bekannt. In absoluten Zahlen stimmt das. Aber diese Betrachtungsweise ist zumindest irreführend, da sie Ausgaben von unterschiedlichen großen Ländern wie Luxemburg, Niederlande und Deutschland direkt gegenüberstellt.

Selbst im zweitgrößten Land Frankreich leben etwa 20 Prozent weniger Menschen als bei uns.
Diesen Vergleich absoluter Zahlen haben wir im Kapitel 4 “Absolut Spitze oder relativ egal?” unseres Buches anschaulich “gegeißelt”.

Aber welche Verhältniszahl ist richtig, um unterschiedlich große Länder vergleichbar zu machen?
Hier existiert keine Eindeutigkeit. Wir nennen das in unserem Buch “Die Große Freiheit der Prozentisten”. Sinnvoll sind in diesem Fall sicherlich die Bezüge zur Bevölkerungszahl oder zur Wirtschaftsleistung. Das Verhältnis zur Fläche eines Landes kann zwar als Bezug gewählt werden, ist aber fast so unsinnig, wie der Vergleich der absoluten Größen.

Ergebnisse:

1. Bezogen auf die Bevölkerungsgröße ist Luxemburg mit weitem Abstand der größte Zahler (398 € pro Kopf). Deutschland folgt mit 265 € pro Kopf erst auf Rang 6 der 17 Länder des ESM.

2. In Bezug auf die Wirtschaftsleistung hat Deutschland sogar nur einen unteren Mittelfeldplatz, Rang 10 mit 0,87% konkreten Zahlungen. Dort führen Portugal mit 1,16% vor Estland und der Slowakei. Aber auch Länder wie Italien und Spanien liegen noch vor Deutschland.

(Inkl. der Bürgschaften ergeben sich natürlich die gleichen Ränge.)

Von dem Zahlmeister Deutschland darf also seriös selbst bei den Bruttozahlungen nicht gesprochen werden.

Wir danken den Herren Thomas Fricke (Financial Times Deutschland) und Stephan Kaufmann (Berliner Zeitung) für Ihre entsprechenden, veröffentlichten Hinweise. Die Unterschiede in den Details der Ergebnisse zeigen die Problematik bei der Beschaffung von Daten auf. Trotz dieser Unterschiede gelangen beide Autoren zur gleichen Folgerung wie wir.

Gerd Bosbach