Zahlenblog:

Erpresser regieren den Gestamp-Konzern…

21.05.2015 - …und lügen dabei in bisschen mit Zahlen und Prognosen: Francisco José Riberas, Konzernchef des Autozulieferers Gestamp Umformtechnik, kündigte an, in das Gestamp-Werk Bielefeld 14 Mio. € zu investieren (für eine neue Presse), wenn die Belegschaft sich bereit erkläre, »ohne Lohnausgleich«, also für den gleichen Lohn wie vorher, künftig 40 statt 35 Stunden pro Woche zu arbeiten. Der Bielefelder Werksleiter Lutz Huxholl begründete das mit zwei fadenscheinigen Argumenten…

Huxholl sagte laut Neue Westfälische, 19.2.2015: »Wir sind der Konkurrenz zwar in puncto Ausbildung und Produktivität pro Kopf eine Nasenlänge voraus. Aber wir haben deutlich höhere Lohnkosten.« Und: Die Auftragslage sei zwar »sehr komfortabel«, aber: »Wenn wir keine weiteren Aufträge bekommen, werden wir in zwei Jahren betriebsbedingte Kündigungen aussprechen müssen«, weil dann ein Drittel des Umsatzes wegfällt.

Huxholl unterschlägt die Tatsache, dass eine besser ausgebildete und produktivere Belegschaft naturgemäß und mit vollem Recht höhere Löhne erzielt als eine schlechter ausgebildete und weniger produktive Belegschaft. Welchen Sinn sollte es sonst für Arbeiter und Angestellte haben, in ihre Ausbildung zu investieren und ihre Arbeitsprozesse zu intensivieren? Mit anderen Worten: Huxholl will vom Wirt, dass er immer mehr Bier bringt, aber »zum Ausgleich« ein paar Striche auf dem Deckel streicht. Ein klassisches »Yang ohne Yin«: Ignoranz für die zweite Seite der Medaille, oder auch: eine Rechnung ohne den Wirt.

Der zweite Satz ist eine »Prognose«, die ihr Ergebnis einfach voraussetzt, also eine Tautologie: Wenn wir keine Aufträge mehr bekommen, dann gehen uns die Aufträge aus. So kann man eine Drohkulisse aus dem Nichts heraus aufbauen. Prognosen dieser Art sind sinnlos, weil es praktisch nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder werden die Produkte des Werks in zwei Jahren noch gebraucht, dann gibt es auch neue Aufträge. Oder sie werden nicht mehr gebraucht, dann nützt der Belegschaft auch die unbezahlte Mehrarbeit nichts; sie wird trotzdem entlassen. Es wäre ein ziemlich schlechtes Geschäft, sich auf die miese Tour der Konzernleitung einzulassen. Eine andere Zahl zum Hintergrund: 2014 erzielte der Gestamp-Konzern nach eigenen Angaben mit weltweit rund 35.000 Mitarbeitern einen Gewinn (EBITDA) von 656 Mio. € (siehe gestamp.com ). Das heißt, jeder Mitarbeiter erwirtschaftete rund 18.700 € Gewinn.

Volkswirtschaftlich gesehen ist die Forderung der Konzernherren nach längeren Arbeitszeiten unsinnig und geradezu schädlich. Wenn die Produktivität des Betriebs gestiegen ist, der Markt für die wachsende Menge von Produkten aber nicht mitwächst, ist eine Verkürzung der Arbeitszeit sinnvoll und nicht eine Verlängerung. Alles andere führt zur Überproduktion, zu Dumpingpreisen und steuert geradewegs auf die nächste große Krise zu.

In Bielefeld stimmte die IG Metall nach langen Verhandlungen im Mai 2015 einem Kompromiss zu, der eine unbezahlte Mehrarbeit von drei Stunden pro Woche enthält.

Jens Jürgen Korff