Zahlenblog:

"Fachkräftemangel" oft von unqualifizierten Personalern verursacht

15.10.2011 - Sehr geehrter Herr Bosbach, sehr geehrter Herr Korff,
vielen Dank für Ihr Buch u.a. zum „Fachkräftemangel“, das ich bislang nur aus dem Spiegel.de-Artikel kenne. Ich bin seit 1995 als IT-Freelancer aktiv und glaube, den Markt einigermaßen gut zu kennen, da er mich seitdem ernährt.
Das Preis-steigt-nicht-Argument verwende ich in der Diskussion seit Jahren. Es ist das schlagkräftigste und objektivste, denn es wäre absolut unlogisch, dass die Preise trotz Verknappung gleich blieben.
Bösen Willen sehe ich dennoch nicht. Einige nehmen ja an, das sei z.B. von Arbeitgebern forciert, um die Gehälter zu drücken.
Ich glaube eher, dass die Erklärung an zwei anderen Stellen zu suchen ist:
1. Hoher Anteil von Selbstständigen (...)
2. Unqualifizierte Personaler (...)

1. Hoher Anteil von Selbstständigen

Gerade in der IT (die man auch noch sinnvoll untergliedern muss, damit nicht Informatiker und Telefoninstallierer in einen Topf geworfen werden) gibt es mehr und mehr Freiberufler bzw. Selbstständige. Traditionelle „Ich-messe-bei-der-Arbeitsagentur“-Ansätze liefern da völlig falsche Ergebnisse. Ich war z.B. in meinem gesamten Berufsleben noch nie bei der Arbeitsagentur registriert, und es würde mir auch nicht einfallen, da ich diese Institution für das letzte halte, was mir einen qualifizierten Auftrag verschaffen kann. Kunden sehen das ähnlich, daher läuft z.B. in der Informatik alles über Firmen wie Gulp, Hays, Goetzfried usw. Diese schalten dann x Ausschreibungen, die sie jeweils anonymisieren (wie Makler das so tun). Im Normalfall ist dann für einen Außenstehenden schwer erkennbar, ob es sich um die gleiche Position handelt.

2. Unqualifizierte Personaler

Häufig wird aber ein weiterer Punkt übersehen, den ich für zentral halte: Fachkräftemangel in den Personalabteilungen (internen wie auch oben genannten externen Firmen). Heutige Ausschreibungen sind oft fachlich so kompliziert, dass ein BWLer nicht weiß, was er eigentlich suchen soll. Die verwendeten Technologien sagen den BWLern nichts. So kommt es häufig vor, dass sie allerhand Dinge, die sie schon mal gehört haben und irgendwann von der Entwicklungsabteilung als wichtig genannt bekamen, in eine einzige Ausschreibung stecken. Da wird dann z.B. ein Oracle-Administrator mit perfekten Microsoft-SQL-Server-Kenntnissen gesucht – das entspricht etwa dem Frisörmeister, der gleichzeitig KFZ-Meister ist. Außenstehende bemerken diesen Unfug nicht. Auch simple Tippfehler sind tückisch. So suchte ein früherer Kunde von mir verzweifelt … einen Java-Entwickler mit „JDBS“-Erfahrung für München. Gemeint war aber „JDBC“, eine Trivialität, die jeder erfüllt.

Zur Suche werden häufig fachfremde Studenten eingesetzt…, die letztlich nur Stichwortsuchen machen können (exakt nach Suchbegriff, weil sie’s nicht einordnen können). Ergo gibt es keine Treffer und angeblich Mangel. Auch ohne Tippfehler funktioniert der Filter „gut“: Wenn alle Anforderungen als verpflichtend gesehen werden, reduziert jede weitere Anforderung den Kandidatenpool, bis kaum jemand übrig ist. Die müssen dann auch noch verfügbar sein (schnellebiger Markt, Suchende lassen sich Wochen Zeit, in denen der Selbstständige schon andere Aufträge annimmt) und bereit sein, für den aufgerufenen (meist – angeblich – nicht änderbaren) Preis in der jeweils angesagten Stadt zu arbeiten (Reisetätigkeit). Hinzu kommt, dass alle paar Jahre die Mode in der Informatik neue Programmiersprachen, Frameworks usw., also Suchbegriffe, auf den Markt wirft, sodass alte Suchbegriffe (vorgeblich) irrelevant werden.

Hinzu kommt, dass Personalentwicklung nicht stattfindet: Entweder der Kandidat ist perfekt, oder es gibt ihn angeblich nicht. Beispiel: Ich bin mehrfach bei einer Bewerbung (Unternehmen direkt vor der Haustür, alles passt fachlich aus meiner Sicht) ausgeschieden, weil ich nicht a) Erfahrungen mit XXX-R hatte (ein höchst spezieller Mobilfunkstandard für G.), nur Erfahrungen mit normalem XXX bei Vodafone/Telekom, und b) keine mehrjährige Erfahrung in Verhandlungen mit dem G.-Amt hatte (wer hat die schon?). An Absurdität ist das oft kaum zu überbieten.

Eine Anekdote, die mir zu denken gegeben hat: Anfang des Jahres saß ich als Interims-Gruppenleiter im Kundenauftrag zusammen mit einem weiteren Gruppenleiter in einem Bewerbungsgespräch. Vor uns saß der perfekte (Freiberufler-)Kandidat: Über Beziehungen wussten wir, dass er genau diesen Job bei einem anderen Unternehmen mit Bravour erledigte. Nach dem Gespräch musste wir beide in einen anderen Termin und trafen uns 30 Minuten später wieder. Ich fragte den Kollegen, wie denn sein Eindruck gewesen wäre. Er meinte: Völlige Fehlanzeige, es mangele an Werten wie Loyalität zum Unternehmen, Kontinuität usw. und er könne sich nicht vorstellen, wie der Bewerber sich in den nächsten 20 Jahren in das Unternehmen integrieren würde. Darauf angesprochen, dass ein freier Projektmitarbeiter, kein Festangestellter gesucht würde, zeigte er sich irritiert. Leider hatte er zwischendurch auch schon seine Meinung an den Chef kommuniziert, sodass der „perfekte Kandidat“ durch dieses Missverständnis aus dem Rennen war. Auch andere Besetzungen scheiterten aus ähnlich trivialen Gründen (z.B. Supertalente gesucht und ausgesiebt für einen langweiligen Sekretariatsjob – schnell waren sie dann wieder weg).

Mit freundlichen Grüßen
Frank L., Dipl.-Inform.