Zahlenblog:

Gefängnisstrafen für Jugendliche kontraproduktiv?

31.05.2013 - Hallo Herr Bosbach und Herr Korff, in Ihrem Buch nennen Sie gegen Ende [S. 293] das Beispiel, dass Gefängnisstrafen für Jugendliche kontaproduktiv seien, da es statistisch erwiesen sei, dass Jugendliche öfter straffällig werden, je jünger sie das erste Mal im Gefängnis waren. Hier haben wir mehrere Fehler bei der Betrachtung der Statistik.

Vorneweg Ursache und Wirkung: Jugendliche werden ja nicht als erstes ins Gefängnis gesteckt. Zunächst werden im Jugendstrafrecht mehrere erzieherische Maßnamen angewendet, da Jugendkriminalität der Lehre nach ubiquitär und episodenhaft ist und zudem von selber wieder endet (Spontanremisson). Jugendliche bei denen das nicht so ist, haben in der Regel eine entsprechende Jugend durchlebt und in der Sozialisation oft entsprechende Defizite. Die Folge können gewalttätige Intensivtäter sein. Was bedeutet das für Ursache / Wirkung? Nicht der frühe Gefängnisaufenthalt ist verantwortlich für eine hohe Rückfallquote. Wer als Jugendlicher ins Gefängnis geht, hat schon viele viele Straftaten mit hoher krimineller Energie angesammelt und geht deshalb in das Gefängnis. Da man für eine solche “Karriere” auch eine gewisse Zeit braucht (Urteile erfolgen nach Bekanntwerden der Tat oft erst 9 Monate später und bis dahin wurden oft schon weitere Delikte begangen), hat ein Jugendlicher umso früher angefangen, diese Karriere zu beginnen, wenn er jünger zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Wenn ein Jugendlicher früher mit seiner Karriere begonnen hat, spricht das dafür, dass in seiner Entwicklung noch mehr schief lief als bei anderen jugendlichen Tätern. Folgerichtig wird er mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht vollständig sozialisiert aus dem Gefängnis zurück in die Öffentlichkeit kommen, sondern erneut straffällig.

Zweitens wird die falsche Forderung aus der Statistik abgeleitet. Denn nicht spätere Gefängnisstrafen oder – wie oft populistisch gefordert – härtere Strafen gegen Jugendliche erzeugen einen Erziehungseffekt. Es ist empirisch erwiesen, dass eine schnelle Strafe präventiven Charakter entwickelt (nicht nur bei Jugendlichen, sondern allgemein). Leuchtet ein, denn wenn ein Jugendlicher nach 9 Monaten vor dem Richter steht und bereits 7 weitere Straftaten begangen hat, dann wird die eindringliche Ermahnung des Richters recht wenig bewirken. Diese Tatsache wird aber ungern beachtet, da für schnelle Stafen wesentlich mehr Personal in Stafverfolgung und insbesondere Justiz beschäftigt werden müsste. Das kostet aber Geld und das hat man nicht.

Viele Grüße
Tobias Banzhaf

P.S. tolles Buch! Danke!

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Hallo Herr Banzhaf,

herzlichen Dank für das Lob und die differenzierten Erklärungen zur Ursache-Wirkungs-Frage bei jugendlichen Straftätern! Ja, Ihre Argumente leuchten mir ein. Allerdings haben wir die bei den Aufgaben auf S. 293 als Frage eingebrachte Schlussfolgerung bei den Lösungsvorschlägen auf S. 304 bereits selber kritisiert, wobei sich unser mittleres Argument (Hintergrundvariable) m. E. ganz gut mit Ihren Ausführungen deckt.
Wir könnten dort aber noch etwas von Ihrem Gedankengang ergänzen.

Freundliche Grüße
Jens J. Korff