Zahlenblog:

Henning Scherfs 100-jährige Kinder

02.05.2013 - Der Sozialdemokrat und frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf predigt seit Jahren überall in Deutschland über das wunderbar aktive Leben, das Senioren führen können, wenn sie denn eben aktiv werden. Um dieses durchaus lobenswerte Ziel zu begründen, benutzt er leider gerne eine falsche Zahl: „Es gibt die Prognose, dass die Neugeborenen von heute im Schnitt 100 Jahre alt werden.“

So zum Beispiel in einem Interview in der Neuen Westfälischen vom 8. Februar 2013. Seine Schlussfolgerung: Wer 60 Jahre alt ist, hat noch „30 wunderbare Jahre“ vor sich – und tut gut daran, sich über seine Lebensplanung für diese Zeit Gedanken zu machen.

Scherf stützt sich wahrscheinlich auf eine Prognose, die der Kölner Bevölkerungswissenschaftler Eckart Bomsdorf 2010 veröffentlicht hat (Die Welt 21.6.2010). Allerdings lauteten die Zahlen bei Bomsdorf anders: Jedes vierte heute geborene deutsche Mädchen, so seine Prognose, werde wahrscheinlich 100 Jahre alt. Also weniger als jedes vierte heute geborene Kind – da die Lebenserwartung von Jungen etwas geringer ist. Scherf »vereinfachte« diese Prognose und machte aus jedem vierten Mädchen jedes Kind. (Es gab allerdings 2009 auch eine Studie, in der von jedem zweiten Kind die Rede war. Siehe Die Welt 2.10.2009)

Als ob Bomsdorfs Prognose nicht schon gewagt genug gewesen wäre! In unserem Buch sind wir bereits darauf eingegangen; ich darf die Passage hier zitieren:

Der Kölner Demograph Eckart Bomsdorf drängelte sich im Juni 2010 mit der Prognose in die Öffentlichkeit: »Jedes vierte Mädchen, das heute geboren wird, wird 100 Jahre alt.«
In Wirklichkeit kann niemand wissen, wie alt ein neugeborenes Kind werden wird. Wie alt Menschen werden, weiß man immer erst dann, wenn sie gestorben sind. Solche Prognosen beruhen auf den Daten von gerade Gestorben; also von Leuten, die meist 70, 80 oder 90 Jahre alt sind und um 1940, 1930 oder gar 1920 geboren wurden. Bomsdorf gab gegenüber der Presse deswegen zu, dass niemand mit hundertprozentiger Sicherheit sagen könne, ob Neugeborene wirklich so alt würden. Seriös wäre gewesen zuzugeben, dass das auch niemand mit siebzigprozentiger Sicherheit sagen kann, da wir nun einmal nicht wissen, was dieses Mädchen in seinem zukünftigen Leben erleben wird. Seine wackeligen Hochrechnungen unterstellen ein anhaltend starkes Wachstum der Lebenserwartung und übersehen, dass diese Entwicklung schon heute an diverse Grenzen stößt:

  • Es gibt keine wesentlichen Verbesserungen der Ernährung mehr, stattdessen sogar Verschlechterungen;
  • Bewegungsarmut und Übergewicht, gepaart mit Diabetes und Herz-Kreislauf-Problemen;
  • problematische Umwelteinflüsse;
  • Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität) im Alter;
  • Stagnation oder sogar Verlust sozialer Standards in vielen Bevölkerungsgruppen.

Das Ganze ist ein vielleicht extremes Beispiel dafür, was mit plastisch und drastisch formulierten Prognosen im weiteren Verlauf der Geschichte geschehen kann: Die Dramatisierungs-Uhr wird – immer auf Basis der gleichen, oft kaum oder gar nicht reproduzierbaren “Forschungsergebnisse” – nochmal und nochmal um eine Stunde weitergedreht.

Jens J. Korff