Zahlenblog:

Kann man "gefühlte Temperaturen" messen?

08.01.2014 - In den aktuellen Berichten über die Kältewelle in USA (z. B. tagesschau.de von heute) werden fast keine realen Temperaturangaben mehr gemacht. Stattdessen ist meist von "gefühlten Temperaturen" die Rede, und die liegen schnell bei sensationellen -40 oder -50 °C. Doch was ist eine gefühlte Temperatur? Ist das wirklich ein Messwert? Die Antwort ist Nein. Es ist eine grobe und höchst zweifelhafte Schätzung.

Die einzige reale, also wirklich gemessene Temperatur, die der zitierte Artikel von tagesschau.de nennt, sind -14 °C in Washington. Das klingt nicht wirklich dramatisch. Kein Wunder also, dass sensationsgierige Reporter lieber zu einer Größe greifen, bei der man in die Nähe von -50 °C kommt.

Das, was in den Berichten als “gefühlte Temperatur” bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit die sog. Windchill-Temperatur, zu Deutsch Windkühle. Sie soll berücksichtigen, wie stark ein menschlicher Körper auskühlt, wenn er eisigem Wind ausgesetzt ist. Leider ist das äußerst schwer zu berechnen, weil es von Dutzenden von Faktoren abhängt:

  1. der tatsächlichen Windgeschwindigkeit in 1-2 m Höhe (gemessen wird standardmäßig in 10 m Höhe); diese wiederum hängt von Umgebungsfaktoren wie Gebäuden und Bäumen ab;
  2. der Höhe über dem Meeresspiegel (weil dünnere Luft weniger Wärme aufnimmt als “dickere Luft”);
  3. Größe, Körpergewicht und Kleidung des jeweiligen Menschen;
  4. aktueller Hauttemperatur und Thermoregulationsfähigkeit des jeweiligen Menschen (die wiederum von dessen physischem und psychischen Zustand abhängen);
    um nur die Wesentlichsten zu nennen.

Wie schwierig es ist, alleine die Windchill-Temperatur anzugeben, wird im Wikipedia-Artikel Windchill ausführlich beschrieben. Ich zitiere aus dem Absatz “Kritik”: “…denn weder ergeben die verschiedenen Berechnungsmethoden einheitliche Ergebnisse, noch muss der berechnete Wert besonders viel mit der Realität des konkreten Einzelfalles zu tun haben. Allen Anstrengungen zum Trotz kann der Windchill nicht allgemein gültige Aussagen über etwas treffen, das sich quasi schon per Definition der Allgemeingültigkeit entzieht: das subjektive Temperaturempfinden eines Individuums.”

In den Gesamtkomplex “gefühlte Temperatur” gehen außer dem Windchill noch etliche weitere Faktoren ein, vor allem die Luftfeuchtigkeit, der sog. Humidex. Dazu der Wikipedia-Artikel Gefühlte Temperatur
Ich zitiere dort aus dem Absatz “Kritik”: “Zahlreiche Probleme geben Anlass zur negativen Kritik an der Verwendung, Genauigkeit und damit letztendlich am Sinn der gefühlten Temperatur, vor allem im Rahmen von Wetterberichten gegenüber einer meist unkritischen Öffentlichkeit. Ohne eine Kenntnis der Berechnungsgrundlage, welche in der Regel nicht mit angegeben wird und selbst dann nur von wenigen Experten richtig eingeschätzt werden kann, ist die Aussagekraft eines spezifischen Wertes demnach eher gering. Wesentlichster Kritikpunkt ist die schier endlose Zahl von Einflussfaktoren…”

Mit anderen Worten: Die von der Presse angegebenen Temperaturangaben aus dem Mittleren Westen der USA sind praktisch erfunden.

Jens Jürgen Korff