Zahlenblog: Hochschulen

Massenandrang an den Hochschulen und Fachkräftemangel?

18.10.2011 - Massenandrang an den Hochschulen und die Angst vor zu wenigen Ernährern (Demografie-Problem)? Gedanken eines Hochschullehrers

Dieses Semester haben wieder mehr als 180 Studierende an meinem Fachbereich der FH in Remagen ihr Studium begonnen. Diese Anzahl reicht gerade eine Mittelkürzung bei uns zu vermeiden. Konzipiert war unser Fachbereich bei seiner Gründung vor 14 Jahren für 40 bis 60 Anfänger. Der Verdreifachung der Studierendenzahlen steht überhaupt keine Aufstockung bei den Professoren gegenüber. Das geht auf Kosten der Qualität. Der Raum zur Entfaltung für Studierende und Lehrende ist sehr eng geworden!

So wie uns geht es fast allen Hochschulen, seit vielen Jahren und mindestens noch einige Jahre.

Produzieren wir also gerade wieder einen Mangel an Hochqualifizierten, den wir in 10 bis 20 Jahren wortreich der demografischen Entwicklung anlasten? Immerhin stehen die heutigen Studierenden noch jenseits des Jahres 2050 auf dem Arbeitsmarkt.

Ähnliches gilt auch für den nichtakademischen Bereich: In den Jahren 1990 bis mindestens 2005 wurde vielen Jugendlichen keine Ausbildung angeboten. Begründung: „Zu viele Bewerber“, wie Sie in Ihren Archiven nachlesen können. Die Bertelsmann-Stiftung spricht von 1,5 Millionen Menschen zwischen 25 und 34 Jahren ohne Ausbildung, „das ist jeder Fünfte“ (Pressemitteilung der Stiftung vom 7.9.2010). So bekommt die Diskussion über Fachkräftemangel ein neues Gesicht: Schuld scheint nicht die demografische Entwicklung zu sein, sondern die eigenen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte – wenn es den Fachkräftemangel denn überhaupt gibt. (Siehe dazu spiegel.de/karriere und epd sozial, Nr. 28 vom 15.7.2011, S. 13)

Falls Sie sich jetzt wundern: Zumindest die Jahrgänge zwischen 20 und 60 Jahren sind mit über 900 000 Menschen in Deutschland sehr gut besetzt, von Mangel an Menschen also keine Spur!
So musste BA-Chef Frank-Jürgen Weise im Mai 2011 schon ganz tief in die Trickkiste der Statistik greifen, um 6 bis 7 Millionen fehlende Fachkräfte als Horrorbild für 2025 an die Wand malen zu können. (siehe der frührere Blog-Beitrag zum Thema)

Meine Bitte: Wenn demnächst wieder die demografische Entwicklung für alles Schlechte verantwortlich gemacht wird, prüfen Sie doch mal andere Ursachen:
• Mangelnde Berufsausbildung
• Mangelnde Studiermöglichkeiten
• Hoher Numerus Clausus (z.B: als Grund für Ärztemangel)
• Geringe Lohnentwicklung und Millionen-Arbeitslosigkeit als Grund für leere Sozialkassen

Ein interessantes, letztes Beispiel dazu ist der Nachwuchsmangel an Pflegekräften:
Seit Jahren werden in den Pflegeschulen verstärkt Abiturienten angenommen. Die Schule erreicht damit bessere Abschlüsse. Aber viele dieser Abiturienten studieren später Medizin, Gesundheitsökonomie… Hätte man stattdessen die motivierten Abgänger anderer Schulformen genommen, wäre die Situation heute anders. Zusätzliche Gründe für Besetzungsprobleme bei Pflegekräften sind bekannt: Harte Arbeitsbedingungen bei schlechter Bezahlung.

Ähnlich wie bei den Ärzten ist es sowieso merkwürdig, dass jungen Menschen die Ausbildung verwehrt wird, um anschließend den Mangel an Ausgebildeten der Demografie anzulasten. Deutlicher kann die „Sündenbock-Funktion“ der Demografie nicht zu Tage treten.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Gerd Bosbach