Zahlenblog: Zahlengläubigkeit

Moderner Zahlenglaube hilft über existenziellen Schrecken hinweg

31.05.2011 - Sehr geehrte Herren, gerade lese ich in Ihrem Buch "Lügen mit Zahlen" den dialogischen Exkurs über Zahlen, der recht spannend ist. Wenn man den Existenzialismus mit der kritischen Theorie verknüpft, kann man interessante Aussagen über Zahlen mit analytischer Kraft machen. Das haben Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung getan. In meinen Worten: Der Mensch ist seiner selbst bewusst und damit auch der Gefährung seiner Existenz. Um diese (die Existenz, nicht die Gefährdung) aufrecht zu erhalten, muss er die Natur erklären, beherrschen und vorhersagen können.

Dazu dienen Weltanschauungen wie z. B. Religionen. Auch frühe Systeme mit Zahlen hat es gegeben, wie z.B. die Kabbalistik oder die Astrologie, die mangels Erfolg aber ein Schattendasein fristen. Der moderne Glaube, der dabei hilft, das existenzielle Entsetzen über die Unvorhersehbarkeit des eigenen Schicksals zurückzudrängen, ist die Berechenbarkeit. Die Zahl ist ein Chiffre für die Vorhersehbarkeit und damit Behe rrschbarkeit der Zukunft. Ob dies stimmt oder nicht – der Beruhigungseffekt stillt ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen, was die affirmative Grundeinstellung vieler Menschen erklärt.

Ganz allgemein gesprochen hat mir Ihr Buch sehr gut gefallen, da es einen aufklärerischen Impetus hat. Man kann ihm daher nur viel Erfolg wünschen.

Zum Abschneiden oder Spreizen der y-Achse: Ich selbst versuche in Fachpublikationen immer, den Platz in Diagrammen bestmöglich zu nutzen und schneide daher y-Achsen auch ab oder spreize sie, um Effekte besser darzustellen. Da ich im naturwissenschaftlichen Bereich für ein Fachpublikum schreibe, setze ich voraus, dass der Betrachter dies erkennt. Ich halte dieses Vorgehen also nicht prinzipiell für verurteilenswert, sehe es aber sehr kritisch, wenn das Verfahren bewusst zur Manipulation eingesetzt wird.

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Stucky

P.S.: In dieser Diktion (Die Zahl als Chiffre für Beherrschbarkeit) ist Geld geronnene Potenzialität oder geronnene Macht. Sehr praktisch, weil man so Macht quantifizieren und auch abgeben kann. Dieser Effekt hat vermutlich auch zur Ausbildung der modernen Demokratie beigetragen…

Das Geld ist also das vielseitigste Mittel, unsere Existenz auch in der Zukunft sicherzustellen. Darum haben wir uns angewöhnt, den Wert aller Dinge (auch von Küssen, Sonnenuntergängen und Freuden der Elternschaft, Stichwort: Leihmutter) in Geld zu bemessen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass Institutionen, die sich der Rettung und Bewahrung der Natur verschrieben haben, den Versuch unternehmen, intakte Natur in Geldeswert umzurubeln, womit man sich natürlich den Bewertungskriterien des Kapitals vollständig unterwirft.

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Sehr geehrter Herr Stucky,
herzlichen Dank für Ihre positive Rückmeldung und für den interessanten Gedanken über den Beruhigungseffekt des Glaubens an Berechenbarkeit.
Auf S. 14 des Buches seufzen wir mit Ihnen über den Umstand, dass offenbar erst eine Umrechnung des Klimawandels in Geldbeträge nötig war (der sog. Stern-Report), ehe die Regierungen begannen, Maßnahmen zu ergreifen.
Zur y-Achse: Ich gebe Ihnen Recht, dass es Fälle gibt, in denen dieses Verfahren sinnvoll ist. Das sehen wir auch so.
Mit freundlichen Grüßen
Jens Jürgen Korff M. A.