Zahlenblog:

Naturschutzgegner mit einem Trommelfeuer manipulierter Zahlen

11.07.2012 - In Schlangen bei Detmold trafen sich Ende Juni 2012 Vertreter mehrerer Bürgerinitiativen aus ganz Deutschland, die in ihrer Region die Ausweisung von Nationalparken und ähnliche Naturschutzprojekte bekämpfen. Die FAZ berichtete online und zitierte ohne jede Korrektur und Recherche den lippischen FDP-Politiker Ralph Gerdes, Gastgeber des Treffens, der seinen Feldzug gegen die Naturschützer mit einem Trommelfeuer aus manipulierten Zahlen bestückte.

Touristenzahlen zurückgegangen?
Gerdes: “Tatsächlich seien diese meist sogar zurückgegangen…”
Diesen Effekt erzielt man, wenn man den Zeitraum der Betrachtung passend wählt. Die Touristenzahlen schwanken. Vergleicht man eine höhere mit einer später liegenden tieferen, hat man die gewünschte „Tendenz“. In Wirklichkeit sind die Zahlen meist in den ersten Jahren nach Gründung der Nationalparks gestiegen und später wieder etwas gesunken.

Fläche der Nationalparke nahm um 48% zu?
FAZ: “Die Flächen der Nationalparks nahmen um 48 Prozent zu…”
Hier greift die FAZ zu irreführenden relativen Zahlen und verschweigt zwei wesentliche Fakten: wie gering der Anteil dieser Flächen an der Gesamtfläche immer noch ist, und wie lange der gewählte Zeitraum ist. Wenn man einen kleinen Anteil – nämlich 0,54 % der deutschen Landfläche – etwas steigert, kommt man schnell auf große Steigerungsraten, weil der Vergleichsmaßstab dann der noch kleinere frühere Anteil ist.

Kosten von 200 Mio. €?
“Die Kosten für Naturschutzprojekte würden den Steuerzahlern in der Regel nicht offen mitgeteilt, sagt Ralph Gerdes. Diese betrügen im Falle des Teutoburger Walds mehr als 200 Millionen Euro…”
Zu dieser Summe ist die IHK Lippe gekommen, indem sie ein angenommenes Jahresbudget für einen Nationalpark Teutoburger Wald einfach über 30 Jahre hochgerechnet hat. Warum nur 30? Hätte sie 600 Jahre genommen – so lange dauert es nämlich nach Schätzungen von Biologen, bis sich ein Wirtschaftswald wieder zu einem richtigen Urwald entwickelt hat – dann käme man sogar auf 4 Mrd. €. Solche Projektionen in die ferne Zukunft sind völlig willkürlich und unseriös. Viel aussagekäftiger ist ein Vergleich der jährlichen Kosten mit anderen jährlichen Kosten, oder eine Umlage auf den einzelnen Bürger. Letztere ergibt – auch nach der mit Sicherheit übertriebenen Schätzung der IHK Lippe – Kosten von 39 Cent pro NRW-Bürger und Jahr. Da Nationalparke vom Land beschlossen und finanziert werden, ist diese Bezugsgröße realistisch.

Naturschutzverbände verfügen über jährlich dreistellige Millionenbudgets?
FAZ: “Die meist involvierten Naturschutzverbände wie Nabu oder Bund verfügen oft über jährlich dreistellige Millionenbudgets…”
Das stimmt nur dann, wenn man alle Verbände zusammenzählt, und es ist leicht zu erklären: Zusammen haben die Verbände über 1 Mio. Mitglieder und Förderer. Wenn jedes davon 20 € Beitrag im Monat bezahlt oder spendet, sind das zusammen 240 Mio. € im Jahr – also ein “dreistelliges Millionenbudget”.

Naturschützer sichern sich Posten in einer Koordinierungsstelle?
Gerdes: Die „Funktionärsriege“ der „Naturschutzverbände wie Bund und Nabu“ habe sich auch für den nun geplanten Nationalpark schon mit „Posten in der Nationalpark-Koordinierungsstelle versorgt“.
Hier schummelt Gerdes zur Abwechslung mal, indem er eine Zahl verschweigt. Es handelt sich nämlich um genau eine Stelle mit Minigehalt, die sich zwei Personen teilen müssen, bezahlt u.a. aus den Mitgliedsbeiträgen der Naturschutzverbände.
Wer sitzt denn da im Glashaus und wirft dennoch mit Steinen? Die FDP hat bundesweit rd. 60.000 Mitglieder, also nur etwa ein Siebzehntel so viele wie die Naturschutzverbände. Dennoch sichert sie sich allein in der Region Ostwestfalen-Lippe über ihre Rats-, Kreistags- und Landtagsfraktionen, vorsichtig geschätzt, mindestens zehn Vollzeitstellen, die – ungeachtet der staats- und steuerfeindlichen Propaganda dieser Partei – überwiegend aus Steuermitteln finanziert werden.

Jens Jürgen Korff M. A., Herford