Zahlenblog: Kinderarmut

Nur 8,3 % arme Kinder?

23.05.2011 - Wie viele Medien Anfang Mai 2011 berichteten, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seine Angaben über die Armutsquote bei Kindern korrigiert (dazu das DIW). Demnach gelten jetzt nicht mehr 16 %, sondern nur noch 8,3 % der deutschen Kinder als arm. Die Kritik der Journalisten geht fast einmütig davon aus, dass die alten Zahlen falsch waren und die neue nun stimmt. Doch da sind große Zweifel und Fragen zur Plausibilität angebracht.

Die Begründung des DIW:

Als Begründung für die Neuberechnung gibt das DIW an, dass es bei seinen Umfragen immer häufiger keine oder nur sehr lückenhafte Antworten bekomme. Um die dadurch hervorgerufenen Messfehler zu korrigieren, wende man jetzt eine neue Methode an. Egal wie gut diese Methode ist – sie kann nicht fehlende Daten ersetzen, sondern nur eine grobe Schätzung liefern. Die Stichprobe, aus der das DIW die Zahlen gewinnt, ist eher als klein zu bezeichnen (unter 4000). Zum Vergleich: Bei Bundestagswahlen werden zur Prognose am Wahlabend 100 0000 Leute befragt, der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes umfasst ungefähr 400 000 Haushalte.
Gleichwohl gibt das DIW die “korrigierte Armutsquote” wieder als genaue Zahl an (8,3 %). Und viele glauben jetzt diese Zahl, deren Genauigkeit darüber hinwegtäuscht, auf welch ungenauen Daten sie beruht.

Widersprüchliche Zahlen:

Die genannten 8,3 % arme Kinder passen gar nicht zu den Zahlen von Kindern in Hartz IV-Familien. So lebten im September 2010 14,8 % aller unter 18-Jährigen in Deutschland in sogenannten SGB II-Bedarfsgemeinschaften. Definiert man Kinder mit unter 15 Jahren, so waren es sogar 15,6 %. Diese amtlich gut erfasste Größe ist seit Jahren annähernd konstant und sowohl dem DIW, den Politikern als auch den Journalisten bekannt. Warum diese besser erfasste Vergleichsgröße nicht zumindest ein großes Fragezeichen hinter die angeblichen nur 8,3 % arme Kinder setzt, ist uns völlig unklar. Entsprechende Nachfragen von uns wurden bisher mit Achselzucken oder der lapidaren Bemerkung quittiert: “Den Wert dreht sich ja ohnehin jeder so zurecht, wie es politisch gefällt.” Letzteres übrigens von einer großen Zeitung, hinter der angeblich ein kluger Kopf steht.

Hintergrundinformation dazu in unserem Buch “Lügen mit Zahlen”

  • Kap. 8: “Die glatt gebügelte Sonntagsfrage” zu Genauigkeiten von Stichproben
  • Kap. 13: “Die bösen Armen” zur Abstempelung armer Menschen und den damit verbundenen Zielen
  • Kap. 14: “Die Dummen und die Bösen”
  • Kap. 15: “Checkliste: So prüfen Sie Statistiken”

Gerd Bosbach, Jens Jürgen Korff