Zahlenblog:

Prognosen aus den 1970er Jahren

17.09.2011 - Sehr geehrter Herr Bosbach, sehr geehrter Herr Korff,
da ich mich in meiner eigenen Forschung mit Methoden/Statistik beschäftige, habe ich mit viel Interesse Ihr Buch „Lügen mit Statistik“ gelesen. Vielen Dank für amüsante Lesestunden und vor allem einen guten Überblick sowie viele Anekdoten aus dem Forschungsfeld. Ich bin sicher die ein oder andere kann man sinnvoll auch im Untericht einsetzen... Auf Seite 143 bitten Sie den Leser um Hinweise, ob es jemandem im Jahr 1975 gelungen wäre, Jahrzehnte in die Zukunft zu schauen.

Sie würden das Kapitel in dem Falle umschreiben, obwohl mir als Leser auch das Versprechen eines guten Weines ausgereicht hätte. Ihre Aufforderung erinnerte mich an eine ZDF-Dokumentation , die ich neulich auf youtube sah. Dort haben sich wohl einige Redakteure Anfang der 70er Jahre darüber Gedanken gemacht, wie der Mensch im Jahr 2000 leben würde. Nun ist einiges natürlich aberwitziger Unsinn, aber an vielen Punkten ist das Szenario doch erstaunlich treffsicher (siehe z.B. Aussagen zu Studierenden und Studienplätzen, Videokommunikation etc.).

Ich hoffe, Sie finden diese Dokumentation ebenso amüsant und informativ wie ich.

Mit besten Grüßen,
Thomas Klausch

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Guten Tag, Herr Klausch,

vielen Dank für den interessanten Hinweis und Link!
Ich habe mir die Dokumentation angeschaut und bin in der Tat überrascht über einige relativ gute Prognosen: die Zeitung per Fax, das Teleshopping per Fernseher, das Fernsehtelefon, die große Datenbank – diese Dinge erinnern, vom Konzept her, an verschiedene Funktionen des Internet. Der Flachbildschirm mit Fernbedienung und 15 (!) internationalen Fernsehprogrammen, nun gut… Der Ökolandbau hat sich überall durchgesetzt, Umweltverschmutzung gibt es nicht mehr; ja, wir arbeiten noch daran.

Interessant ist, dass sich die Prognose kaum zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen äußert, und wenn, dann liegt sie leider arg daneben: Wir arbeiten nur noch 25 Stunden pro Woche und gehen mit 50 in Rente – schön wär’s! (Technisch wäre das durchaus möglich, nur die Machtverhältnisse sind anders.) Es scheint keinen Konkurrenzkampf zu geben, keine Hektik, alles läuft ruhig und gemächlich nach Plan. Die Wirtschaft läuft vollautomatisch (von der Zubereitung des Frühstücks angefangen bis zur Ausgabe präziser Unterlagen aus der Datenbank für alle anstehenden Entscheidungen), und hochqualifizierte Menschen langweilen sich beim Überwachen dieser Prozesse zu Tode.

Der übliche Fehler aller Zukunftsprognosen des technischen Zeitalters: Es gibt plötzlich nur noch jene Gebäudetypen und Verkehrsmittel, die zum Zeitpunkt der Prognose in der Planung waren. Alles Alte ist komplett verschwunden; dafür ist das komplette Design ist auf dem Stand von 1972 stehen geblieben. Was sich solche Prognosen niemals vorstellen können, ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, also die Widersprüche des Lebens: dass Dinge koexistieren, die aus verschiedenen Jahrhunderten stammen (z. B. eine Porzellantasse mit Kaffeelöffel neben dem PC). Und natürlich kann sich niemand das Design der Zukunft vorstellen.

In den Betrachtungen zur damaligen Gegenwart finden wir dagegen vieles, was es leider immer noch gibt: Autostaus, Lärm, die Börse, Armut und Reichtum ohne Maß, überfüllte Hochschulen, eine manipulierende Freizeit-Industrie, Hungersnöte, Umweltzerstörung, Militär, Kriege, Atomwaffen… Das alles, so hofften die Prognostiker damals, sollte im Jahr 2000 spurlos verschwunden sein.

Deshalb scheinen mir die Treffer, die die Prognostiker gelandet haben, eher zufälliger Natur, mit einer Ausnahme: die große Rolle der Informationstechnik haben sie richtig eingeschätzt. Das sollten wir zu unserer Seite 143 irgendwo vermerken.

Mit besten Grüßen
Jens Jürgen Korff

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Sehr geehrter Herr Klausch,
vielen Dank auch von meiner Seite für Ihren guten Hinweis und das Lob.
Der Film hatte schon einige deutliche Hinweise auf heute und ein paar Hoffnungen, die leider nicht realisiert wurden. Insofern haben Sie uns zumindest in Teilen widerlegt.
Gerne würde ich Ihnen dafür eine Flasche Wein überreichen, falls Sie mal in meinem Wohnort Köln sind.

Freundliche Grüße
Gerd Bosbach