Zahlenblog: Sarrazin

Sarrazins unseriöser Umgang mit Zahlen

22.04.2011 - Thilo Sarrazin und seine Anhänger legen viel Wert darauf, dass seine Meinung durch Fakten belegt sei. Sarrazin nutzt also den Ruf von Statistiken als scheinbar objektive Darstellung der Wirklichkeit „so, wie sie ist“. Wie fragwürdig dieser Ruf der Statistik schon prinzipiell ist, haben wir in unserem Buch „Lügen mit Zahlen“ dargelegt. Speziell bei Sarrazin haben wir aber so viele Fehler oder auch Lügen im Umgang mit Statistiken festgestellt, dass wir ihm die redliche Argumentation entschieden absprechen. Ein paar Belege für diese Einschätzung:

1. 2009 stellte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in seiner Studie zur Lage der Integration in Deutschland fest, dass vieles von dem, was Sarrazin behauptet, statistisch nicht belegbar sei. Etwa seine Behaup­tung, dass 70 % der türkischen und 90 % der arabischen Bevölkerung Berlins den Staat ablehnten. Stefan Klaus zitierte am 1.3.2010 in der Süddeutschen Zeitung Sarrazins Reaktion auf diesen Vorwurf: Wenn man keine Zahl habe, sagt er, dann müsse „man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch.“
Die Unseriösität dieser Methode spricht für sich selber. Zu manchen Themen weiß die Wissenschaft zu wenig, um seriös Zahlen zu nennen. Darf da Sarrazin beliebig Wirklichkeit „schöpfen“?

2. Bei den in Deutschland lebenden Migranten der dritten Generation übersieht Sarrazin zwei wichtige Hintergrundvariable:
Sie stammen oft von bildungsferneren Familien, die man ja bewusst für einfache Arbeiten aus dem Ausland geholt hat.
Unser Bildungssystem ist – wie PISA seit Jahren im Gegensatz zu anderen Ländern immer betont – sehr undurchlässig.
Es ist also kein Wunder, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten in einem undurchlässigen System nicht hoch gebildet sind. Das hat aber nichts mit deren Genen zu tun, wie auch die Erfolge von Migranten in anderen Ländern zeigen.

3. „In Berlin werden 20 Prozent aller Gewalttaten von nur 1000 türkischen und arabischen jugendlichen Tätern begangen…“ (S. 297) Dieser Satz erscheint dem erfahrenen Statistiker schon wegen beiden glatten Zahlen verdächtig. In der Tat ergeben sich aus den Zahlen, die das Berliner Polizeipräsidium vorlegte, ganz andere Größenverhältnisse. Wir zitieren aus einem Schreiben des Polizeipräsidiums vom 2.9.2010 an Dr. Naika Foroutan: „Im Jahr 2009 wurden 18.899 Fälle der Gewalt­kriminalität in der PKS [polizeilichen Kriminalstatistik] registriert. Von diesen wurden 1.651 Fälle durch TV [Tatverdächtige] begangen, die entweder türkischer Nationalität oder dem arabischen Raum zuzuordnen waren… Diese Personengruppe ist für einen Anteil von 8,7% der Gewaltkriminalität verantwortlich gewesen. Erweitert man die Personen­gruppe um die Personen, deren Nationalität als „Unbekannt“ … erfasst wurden …, erhöht sich die Zahl der Fälle auf 2.509, was einem Anteil von 13,3% an allen Fällen der Gewalt­krimi­nalität entspricht. Wollte man diese Personengruppe noch auf jugendliche Tatverdächtige einengen, würde der Anteil … natürlich noch deutlich geringer.“ Und die Reduktion auf 1000 Täter senkt die Prozentzahl noch ein Mal.

4. Auch mit dem Rechnen selber tut sich Sarrazin schwer: Auf S. 282 seines Buches schreibt er: „Bei den muslimischen Migranten entfallen auf 100 Menschen, die ihren Lebens­unterhalt überwiegend aus Erwerbstätigkeit bestreiten, 43,6 Menschen, die überwiegend von Arbeitslosengeld und Hartz IV leben…“ In einem Interview vom 24.8.2010 sagte er: „Es geht nicht an, dass wir es zulassen, dass etwa 40 Prozent der muslimischen Migranten bei uns von Transferleistungen leben…“ (Zitiert nach N. Foroutan: Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand, S. 28).
43,6 von 143,6 sind rund 30 % und nicht 40 %. Diesen Rechenfehler haben wir auch schon bei anderen Autoren gefunden; er spricht aber eindeutig gegen die Fähigkeit von Sarrazin, mit Zahlen richtig umzugehen.
Auch die Zahl von 30 % widerspricht Sarrazins Zahlen auf Seite 63 seines Buches: Danach lebten 16 % der aus der Türkei stammenden Migranten (und 24 % der aus Afrika stammenden) von Transfer­leistungen. Beide Gruppen zählt Sarrazin komplett zu den muslimischen Migranten.

5. Widersprüchliche Zahlen finden sich auch zu einem weiteren, für Sarrazin wichtigen Bereich. So wiederholt er in Kapitel 3 die längst widerlegte Behauptung, „dass der Anteil der kinderlosen Universitätsabsolventinnen die 40-Prozent-Marke übersteigt…“ (S. 90) In anderen Zusammenhängen hat Sarrazin selbst die aktuell erhobene Zahl von 26 % benutzt.

6. Im gleichen Kapitel behauptet er: „Denn ganz gleich, wie die Intelligenz zu Stande kommt: Bei höherer relativer Fruchtbarkeit der weniger Intelligenten sinkt die durchschnittliche Intelligenz der Grundgesamtheit.“ Dieser Satz ist logisch völlig falsch. Die Folgerung gilt nur, wenn Intelligenz stark genetisch bedingt ist. Sein „Weichspüler“ zum Satzbeginn, soll wohl eher beruhigende Wirkung haben.

Fazit:
Sarrazin verbreitet als Belege für seine Thesen falsche Zahlen, widerspricht sich selber bei zitierten Zahlen, bildet aus existierenden Zahlen falsche Prozentangaben, argumentiert logisch falsch, übersieht bei den Themen ganz elementar wichtige Hintergrundvariable. Alleine die aufgeführten Fehler zeigen eindeutig, dass Sarrazin nicht behaupten darf, er hätte seine Thesen mit Fakten belegt. Eigentlich hat er das ja mit seiner Bemerkung zum „Schöpfen von Zahlen“ auch schon selber zugegeben.

Zum politisch-ideologischen Charakter seiner Thesen haben sich Berufenere als wir geäußert. Gefallen hat uns die Einschätzung von Claus Leggewie: „Das war das letzte Aufbäumen des alten Denkens!“ (Kölner Stadt-Anzeiger, 1.3.2011)

Köln/Bielefeld, 22. April 2011

Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff

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Alan Posener kritisierte mit unserer Hilfe in der WELT Sarrazins Zahlen.

Markus Omar Braun in der Neuen Rheinischen Zeitung

Das Narrenschiff