Zahlenblog:

Schäubles Denkfehler in der Rentendebatte - Hinweis Nr. 40

22.05.2016 - Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble plädierte am 20. April 2016 für eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit aus demographischen Gründen. Dabei wandte er eine Simpellogik an: Werden wir älter, müssen wir länger arbeiten. Eingängig, aber falsch - aus vier Gründen.

1. Ein Blick in das letzte Jahrhundert
Die Lebenserwartung stieg von 46 auf 78 Jahre, das Eintrittsalter in die Rente wurde von 70 auf 65 Jahre abgesenkt. Gleichzeitig sanken Jahres- und Wochenarbeitszeiten massiv. Und die Arbeitskräfte gingen dabei nicht aus, eher die Arbeitsplätze. Im Jahre 1999 betrug die offizielle Arbeitslosigkeit 4,1 Millionen.
Der Anteil der über 64-Jährigen stieg in dem Jahrhundert von 4,9 auf 16,7%, der Anteil der Rentner noch stärker. Und trotzdem ging es allen am Ende des Jahrhunderts materiell deutlich besser als am Anfang.
Schäubles Logik auf das Jahr 1900 angewandt versagt also total. Der Grund: Er denkt ohne Wirtschafts- und Produktivitätsentwicklung, also völlig eindimensional!

2. Verlängerung der Lebensarbeitszeit und Arbeitslosigkeit
a) Schon jetzt warten knapp 3 Millionen Arbeitslose auf frei werdende Arbeitsplätze. Wenn diese aber erst Jahre später frei werden, …
b) Schon jetzt sparen Arbeitgeber massiv bei der Ausbildung. In den letzten Jahren gab es immer zwischen 30 und 60 Tausend mehr Bewerber als Ausbildungsplätze – und das trotz politisch gewollter Erhöhung der Studierendenquote, also Senkung der Bewerberzahlen! Wenn jetzt Arbeitgeber länger auf ausgewählte Arbeitnehmer zugreifen können, wird das die Ausbildungsbereitschaft weiter senken. Arme Jugend!

3. Lebensarbeitszeitverlängerung und Altersarmut – Schäubles Hintergedanken?
Natürlich werden viele Leute aus gesundheitlichen Gründen oder weil die Arbeitsplätze fehlen nicht bis 67 oder 70 arbeiten können. Dann wird die Rente noch niedriger ausfallen, Altersarmut (*) droht den Betroffenen.
Vielleicht will Schäuble ja auch gar nicht die Renten schützen, sondern bei den Rentenzahlungen sparen. Zumindest für den gesamten öffentlichen Dienst würde er bei Lebensarbeitszeitverlängerung viel sparen und seinen Sparwillen umsetzen können.

4. Bei steigender Produktivität sind steigende Rentenbeiträge leistbar
Nach Einführung der dynamisierten Rente 1957 stieg der Rentenbeitrag von 7,0 auf 9,75 % in 2000, also um fast 40 Prozent. Das konnten die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber wegen steigender Produktivität spielend verkraften. Meine Modellrechnungen belegen, dass auch in Zukunft ausreichend steigende Rentenbeiträge leicht möglich sind, selbst wenn die Produktivitätssteigerungen auf 0,75% zurück ginge.

(*) Irrtümlich wird oft die Quote der Bezieher von Grundsicherung (etwa 3%) als Armutsquote ausgegeben. So wird Armut aber nicht gemessen. Seit Jahrzehnten dient dazu die Schwelle von 60% vom mittleren Einkommen (Median) EU-weit als Maßstab. Und diese Quote steigt für über 64 Jährige seit 2009 kontinuierlich von 11,9% auf 14,4% in 2014 (Daten des Mikrozensus).

Gerd Bosbach
Remagen/Köln, 22.4.2016