Zahlenblog: Fälschungen

Warum es falsch ist, keiner Statistik zu trauen

17.05.2011 - Unser Buch hat ein vielfältiges Echo in Presse, Funk und Fernsehen sowie bei Leserinnen und Lesern ausgelöst; das freut uns natürlich sehr. Doch es gibt auch einen Wermutstropfen: Geradezu reflexhaft reagieren viele, die uns zustimmen wollen, mit der Parole: »Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!« Auf S. 269 unseres Buches, zu Beginn des Kapitels »Resigniert wird nicht«, sind wir kurz auf diesen Satz eingegangen. Ich erlaube mir, uns zu zitieren: „Wenn Sie bis hierin gekommen sind, haben Sie schon so viel Lug und Trug kennen gelernt, dass Sie vielleicht resigniert sagen möchten: »Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!« Diese schwarze Sicht teilen wir nicht, und wir möchten auch Sie davor warnen. Aus zwei Gründen: Sie kommen um Statistiken nicht herum, wenn Sie vernünftige Entscheidungen treffen wollen. Zugleich kennen wir viele Fälle, in denen die Nutzer einer Statistik den Betrug rechtzeitig aufdecken, manchen Euro retten und manches Unheil abwenden konnten.“ Es ist an der Zeit, noch etwas genauer darauf einzugehen, warum wir den Satz »Traue keiner Statistik…« – und die möglicherweise oft dahinter steckende Haltung – für falsch halten. Sieben Gründe:

1. Die Herkunft des Satzes ist höchst zweifelhaft. Er stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Kriegspropaganda des II. Weltkriegs. Am häufigsten wird er in Deutschland Winston Churchill zugeschrieben, doch Christoph Drösser hat ausgeführt, dass diese Version sehr unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlich stammt er aus dem Hause Goebbels und wurde gezielt Churchill in den Mund gelegt, um ihn unglaubwürdig zu machen. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass es immer falsch und gefährlich ist, eine Goebbels-Parole zu verwenden.

2. Statistiken verbreiten nicht nur falsche Botschaften, sondern oft auch unangenehme Wahrheiten. Das war wohl auch im II. Weltkrieg der Fall. Die britische Regierung hatte Statistiken über britische Bombenangriffe auf deutsche Städte veröffentlicht. Um diese unangenehme Wahrheit zu verdrängen, legten Goebbels’ Propagandaspezialisten Churchill offenbar jenes Bekenntnis zur Lüge in den Mund. Mit dieser Hilfestellung konnten gläubige Nazis die Berichte über brennende deutsche Städte abtun und den Kopf weiterhin fest in den Sand stecken.

3. Der innere Widerspruch des Satzes ist nur mäßig witzig. Man sollte natürlich niemals einer gefälschten Statistik trauen, auch dann nicht, wenn man sie selbst gefälscht hat. Dieser Hinweis ist weniger trivial, als er sich zunächst anhören mag. Denn in der Geschichte ist es oft passiert, dass Leute am Ende auf ihre eigenen Propagandalügen hereingefallen sind. Auch Goebbels gehört dazu.

4. In dem Satz steckt eine schicksalhafte Note, die an der Wirklichkeit vorbeigeht und die Fähigkeit zur Aufklärung negiert. Der Satz tut so, als seien alle Statistiken notwendigerweise gelogen, und als könne man nichts anderes dagegen tun, als selbst Statistiklügen in die Welt zu setzen. Das ist mit Sicherheit falsch. Unser Ansatz ist es, Ihnen das Selbstvertrauen und die Fähigkeit zu vermitteln, zwischen seriösen und unseriösen Statistiken zu unterscheiden.

5. Erfahrungsgemäß sind Menschen, die ein generelles Misstrauen hegen, im entscheidenden Moment im Nachteil. Man hat z. B. festgestellt, dass man Menschen, die prinzipiell allen anderen Menschen misstrauen, leichter belügen kann als Menschen, die prinzipiell zunächst allen anderen Menschen vertrauen. Das klingt paradox, hat aber Gründe. Nur wer Menschen vertraut, hat gelernt, zwischen glaubwürdigen und unglaubwürdigen Menschen und Botschaften zu unterscheiden. Wer immer misstraut, verlässt sich zu sehr auf Äußerlichkeiten, die man leicht fälschen kann. Das gilt in ähnlicher Weise für den Umgang mit Statistiken.

6. Wir beobachten immer wieder einen merkwürdigen Widerspruch: Leute benutzen diesen Satz und tun so, als sei es eine Binsenweisheit, dass alle Statistiken – vor allem die im politischen Raum – gefälscht sind. Doch im nächsten Moment sehen wir, wie die gleichen Leute völlig unkritisch einer Statistik vertrauen, die ihnen gerade in den Kram passt. Sie bedenken z. B. nicht, dass auch Preisvergleichsportale oder Angaben über den Steueranteil am Benzinpreis statistischer Natur sind. Wir haben deshalb den Verdacht, dass der Satz weiterhin vor allem zu dem Zweck genutzt wird, Statistiken auszublenden, die das eigene Weltbild nicht bestätigen.

7. Zum Abschluss ein paar Statistiken, denen wir, zumindest grob, vertrauen, obwohl wir sie nicht selbst gefälscht haben: die Bundesligatabelle, die tiefsten Temperaturen der vergangenen Nacht laut Deutschem Wetterdienst, die 18-Uhr-Umfrage am Wahlabend, die gestrige Aktienkurstabelle der Deutschen Börse, die Flächen und Einwohnerzahlen der EU-Länder, die aktuellen Bevölkerungsanteile der Altersgruppen, die deutschen Bruttoinlandsprodukte der vergangenen 20 Jahre.

Jens Jürgen Korff, im Mai 2011