Zahlenblog: Umfragen

Widersprüchliche Guttenberg-Umfragen bei "Bild"

09.03.2011 - Kurz vor dem Rücktritt des Superstars der konservativen Szene veröffentlichte dessen Zentralorgan, die Bild-Zeitung, zwei Umfragen zur heiß diskutierten Frage, ob Guttenberg bleiben solle. Online waren rd. 55 % dagegen, am Telefon waren über 80 % dafür. Stark vorsortierte Stichproben waren die eine wie die andere Umfrage.

Bei einer Online-Abstimmung auf bild.de stimmten bis zum 24.2.2011 55 % der Teilnehmer für einen Rücktritt Guttenbergs. Ähnlich verliefen Online-Abstimmungen bei spiegel.de und ntv.de – laut Bericht auf bild.de. Als die Bild-Zeitung ihre Leser aufforderte, per Telefon oder Fax abzustimmen, stimmten 87 % der angeblich fast 230.000 Teilnehmer gegen einen Rücktritt (siehe bild.de 24.2.2011).

Wie kommen derart konträre Umfrageergebnisse zustande? Das liegt an den vorsortierten Stichproben. Auf S. 107 des Buches haben wir erwähnt, dass die meisten Internet-Umfragen stark vorsortiert sind: In der Regel finden hauptsächlich jüngere, gebildete Menschen solche Umfragen im Internet, und von denen beteiligen sich vor allem diejenigen, denen die Streitfrage besonders wichtig ist. Wem die Sache nicht so wichtig ist, macht sich kaum die Mühe. Bei stark kontroversen Fragen wie der Guttenberg-Frage ist es schwer kalkulierbar, welche Seite dann die Oberhand gewinnt. Aber offensichtlich hat sich Guttenberg bei Schülern und Studenten mit seiner einst hoch gelobten Textcollage eher unbeliebt gemacht.

Doch auch die von der gedruckten Bild-Zeitung inszenierte Telefonumfrage lieferte eine stark vorsortierte Stichprobe, denn nur Bild-Leser haben davon erfahren. Diese sind, wie man weiß, mehrheitlich eher konservativ eingestellt. Um mitgezählt zu werden, mussten die Teilnehmer selber, auf eigene Kosten, anrufen. Das machen naturgemäß nur Leute, denen die Sache sehr wichtig ist. Und das waren in diesem Fall vor allem Leute, die für ihren heiß geliebten Freiherrn in die Bresche springen wollten.

Jens Jürgen Korff