Zahlenblog: Bevölkerungsentwicklung

"Wie erfolgreich bewältigen deutsche Kommunen den Demographischen Wandel?"

18.03.2011 - Sehr geehrter Professor Dr. Bosbach, mit großem Vergnügen habe ich Ihr neues Buch "Lügen mit Zahlen" (gemeinsam mit Jens J. Korff) gelesen. Ich bin wiss. Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft in Halle und promoviere zu der Frage "Wie erfolgreich bewältigen deutsche Kommunen den Demographischen Wandel?" (Arbeitstitel). Dabei kopple ich demographische Zeitreihen mit ausgewählten Performanzindikatoren der "Lokalen Agenda 21", um zu zeigen, dass die oft beschworenen dramatischen Zusammenhänge zwischen z.B. Einwohnerrückgang oder Unterjüngung und lokaler Daseinsfürsorge nicht ohne weiteres bestehen. (Christian Rademacher liefert Beispiele für Manipulationen)

Zu Argumentationszwecken greife ich dazu auch auf die Publikationen des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung (insbesondere “Die demographische Lage der Nation” (2006)) und die Clusteranalyse deutscher Gemeinden der Bertelsmann Stiftung (“Wegweiser Demographie” (2006)) zurück.

…Dass beide enorme methodische Schwächen aufweisen, war mir schon bewusst. Bei der “Demographischen Lage” der Nation ist mir allerdings aufgefallen, dass wenn man die aufwendig für die einzelnen Bundesländer einzeln präsentierten Daten wieder zusammenführt, diese der impliziten These: Schrumpfung führt (immer) zu wirtschaftlichem Niedergang klar wiedersprechen. Bei 262 von 439 untersuchten Kreisen ist genau das Gegenteil der Fall. Entweder die Bevölkerung wächst und die Wirtschaftskraft stagniert oder sinkt sogar (Extrembeispiel: Berlin) bzw. umgekehrt, die Einwohnerzahlen und/oder andere demographische Indikatoren sollen einen “negativen Trend” zeigen aber dafür prosperiert die lokale Wirtschaft (Extrembeispiel: Jena).

Die Clusteranalyse der Bertelsmann Stiftung ist sogar noch lustiger. Da werden die Einwohnerzahlen der Kommunen (> 10.000 EW) von 2003 mit der relativen Bevölkerungsentwicklung zwischen (1996-2006, in %) mit sechs weiteren Indikatoren gevlustert, weil das aus den Daten diejeigen sind, die am wenigsten miteinander korrelieren (vgl. Behrensdorf, Bernd (2007): Kommunale Demographietypen: Typisierung der Städte und Gemeinden durch eine Clusteranalyse. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.).

Leider fällt dem Kollegen Behrensdorf der inhaltliche Widerspruch, dass der Bevölkerungsstand 2003 nur mittelmäßig stark mit der relativ prozentualen Bevölkerungsentwicklung 2003 bis 2020 korreliert (R = -0,5) (vgl. a.a.O.: S. 4) gar nicht auf. Zumindest ist ihm das keinen einzigen weiteren Satz wert. M.a.W. statistisch evtl. korrekt, inhaltlich völlig inhaltsleer.

Ich hoffe, Sie freuen sich über weitere Hinweise für eine mögliche Neuauflage Ihres Buches, die aus meiner Sicht dringend gebraucht würde. Die “Bösen und die Dummen” sterben nicht aus, nach meiner geringen bisherigen Erfahrung sind das aber auch diejenigen, die am meisten schreien, sie würden nur der Statistik vertrauen, die sie selbst gefälscht haben usw. usf.

Vielen Dank für die unterhaltsame Lektüre.
Mit freundlichen Grüßen
Christian Rademacher

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Sehr geehrter Herr Rademacher,
danke für Ihr Interesse und das Lob.
Das Thema Demografie interessiert mich schon lange. Schon beim Statistischen Bundesamt habe ich dazu Einiges recherchiert. Allerdings denke ich heute anders als die Spitzen des Amtes (s. beiliegende Aufsätze. Die Ähnlichkeiten untereinander bitte ich zu entschuldigen, nötig da jeweils neuer Leserkreis.)
Auch zum Berlin-Institut habe ich Distanz. Vor allem deren Verhalten nach beigefügter Kritik (berlin_dpa_…) sprach nicht für neutrales Verhalten. Die Absichten der Bertelsmänner sind mir trotz intensiver Kontakte, vor allem zu Herrn Esche, immer noch schleierhaft. Was soll man auch von einem Konzern halten, der RTL und RTL2 betreibt?!