Zahlenblog:

Wie lange hält die Waldschlösschenbrücke?

30.07.2012 - Eberhard Seifert macht uns auf eine problematische Beispielrechung auf S. 20 unseres Buches aufmerksam. Es geht um die zu erwartenden Kosten der geplanten Dresdener Waldschlösschenbrücke über die Elbe.

Herr Seifert schreibt uns:

Auf die hohen Kosten für die Nutzer kommen Sie durch die Annahme einer “industrieüblichen Abschreibung” über 10 Jahre. Industrieüblich ist aber, dass sich die Abschreibungsdauer an der Nutzungsdauer orientiert. 10 Jahre für eine derartige Brücke sind selbst für Pessimisten einfach die falsche Größenordnung.

Bei aller berechtigten Kritik an der Brücke drängt sich der Eindruck auf, dass an den Zahlen wieder so gedreht wird, dass ein bestimmter gewünschter Eindruck suggeriert wird. Sie machen hier genau das, was Sie bei anderen zu Recht anprangern.

Die Kosten pro Elbquerung können doch nur so ermittelt werden, dass man die Gesamtkosten der Brücke dividiert durch die Zahl der Elbquerungen während der gesamten Nutzungsdauer der Brücke. Mit einem kürzeren Bezugszeitraum (wie z.B. mit Ihren 10 Jahren) erhält man natürlich zunächst einen größeren Wert, muss dann aber ja die restlichen Elbquerungen bis zum Nutzungsende als kostenlos rechnen. Das Ergebnis ist dann dasselbe wie oben.

In den Abschreibungstabellen für Sachsen wird für die wirtschaftliche Nutzungsdauer von Brücken eine Spanne von 60-100 Jahren angegeben, für Leipzig 100 Jahre (Tab. 3, S.20). Mit derartigen Zeiten als Bezugszeitraum ergeben sich weit weniger dramatische Kosten pro Elbquerung als mit Ihren 10 Jahren.

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Die Kritik erscheint mir berechtigt. Andererseits könnte es eine recht unsichere Spekulation sein, auf eine Nutzungsdauer der Brücke von 60-100 Jahren ohne nennenswerte Sanierungskosten zu hoffen. Wie unsicher, zeigen die aktuellen Berichte über zahlreiche marode Autobahnbrücken aus den 1960er und 1970er Jahren, die jetzt mit Milliardenaufwand saniert und z. T. komplett ersetzt werden müssen.

Siehe z. B.

Realistischer erscheinen mir demnach 40-50 Jahre Lebenszeit. Wenn ich 40 Jahre annehme, ergeben sich überschlagsweise Kosten von 40 Ct pro Elbquerung oder 160 € pro Berufspendler und Jahr.

Jens Jürgen Korff

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Sehr geehrter Herr Korff,
auf Ihre Stellungnahme muss ich noch einmal etwas erwidern.

Ihr Hinweis auf die nach 40-50 Jahren maroden Autobahnbrücken ist unpassend. Das ist ein spezifisches Problem der ersten Generation von Spannbetonbrücken, nicht aber von Stahlbaubrücken wie der Waldschlößchenbrücke.

Ein Beispiel einer Stahlbaubrücke ist die benachbarte Loschwitzer Brücke (Blaues Wunder): Baujahr 1893, Restnutzung prognostiziert bis 2030, alles ohne grundlegende Sanierung, im wesentlichen nur mit den üblichen routinemäßigen Erhaltungsmaßnahmen. Zwar gibt es seit 1986 Verkehrsbeschränkungen (ohne Straßenbahn, max. 15 t Fahrzeuggewicht, ausgenommen Busse), aber die Brücke ist für den Verkehr bis heute unverzichtbar. Nach Ihrer Prognose hätte sie schon in den 1930er Jahren am Ende sein müssen.

Auch zahlreiche weitere Beispiele großer Stahlbaubrücken zeigen, dass mindestens eine Verdopplung Ihrer 40 Jahre Nutzungsdauer der Realität deutlich näher kommen dürfte (falls Sie nicht Baupfusch von vornherein einkalkulieren wollen). Das ist keine unsichere Spekulation.

Mit freundlichen Grüßen
Eberhard Seifert

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Wikipedia: Das Blaue Wunder in Dresden

Lieber Herr Seifert,

übers Blaue Wunder bin ich selbst 1988 etliche Male rübergefahren. Die Brücke ist wirklich schön und beeindruckend. Doch das Beispiel hat hier, in unserer Debatte, einen Haken: Es betrifft nur die Vergangenheit. Zwei Gründe verbieten es, dieses Beispiel auf die Waldschlösschenbrücke zu übertragen:

  • Das Blaue Wunder ist das Produkt eines Ausleseprozesses, der abgeschlossen ist. Möglicherweise war DIESE Brücke besonders gut gebaut, und deshalb ist DIESE Brücke noch da. Außerdem hat sie 1945 anscheinend Glück gehabt. Viele andere Stahlbrücken, die um 1890 gebaut wurden, sind aber schon lange nicht mehr da.
  • Das Blaue Wunder hat nie den heute schon üblichen ununterbrochenen Strom von Riesen-Lkw erlebt, der der Waldschlösschenbrücke bevorsteht. Wie sich diese Art von Verkehr längerfristig auf die Stabilität von Brücken auswirken wird, das weiß noch niemand.

Mit freundlichen Grüßen
Jens J. Korff

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Lieber Herr Korff,
ich schlage vor, wir sollten in 40 Jahren noch mal Kontakt aufnehmen.
Ich melde mich am 26. August 2052 ;-)

Bis dahin viele Grüße
Eberhard Seifert

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…so Gott will!
Nun gut, ich wünsche Ihnen eine kaukasische Gesundheit, freue mich auf das Gespräch und hoffe im Sinne der Steuerzahler, dass Sie Recht behalten.

Mit freundlichen Grüßen
Jens Jürgen Korff