Zahlenblog:

Wie repräsentativ sind Wahlumfragen wirklich?

20.02.2016 - 

Unseren Leser Ingo Kaufmann beschäftigt die Frage, wie repräsentativ die Ergebnisse der sog. Sonntagsfrage sind: „Was würden Sie wählen, wenn nächsten Sonntag Wahlen wären?“

Sehr geehrter Herr Bosbach,

in der Hoffnung, dass Sie die nötige Zeit und das Interesse haben, würde ich Sie gern um eine Einschätzung zu den täglichen Meinungsumfragen bitten. Ich vermute eine willkürliche Präsentation von Zahlen und eine gewollte Beeinflussung von Meinungen. Am 03.12.2015 habe ich die Tagesthemen angesehen und war schockiert. Im Deutschlandtrend wurde behauptet die AfD würde auf 10% kommen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob diese Zahl stimmt, denn am 02.12. kam die AfD nach Stern RTL-Wahltrend nur auf 6%. Wie lassen sich solche großen Unterschiede erklären? Wurde schlampig gearbeitet? Oder sind Umfragen nur Näherungswerte? Auch war interessant, dass man erklärte zu wissen, wie viele Wähler von einer Partei zu einer anderen wandern. Man hatte ermittelt, dass z.B. 950 000 ehemalige Unionswähler nun die AfD wählen? Man hört immer wieder von Unentschlossenen oder Nichtwählern. Warum können das keine Nichtwähler sein die jetzt die AfD wählen, und die Unionswähler gehen aus Enttäuschung gar nicht mehr wählen? Ich schrieb daher an die ARD, um eine Erklärung zu erhalten. Ich bekam, nachdem ich kritisch nachfragte, nach fast 2 Monaten Antwort. Sie ist leider für mich nicht verständlich. Ich hoffe, Sie können mir ein Erläuterung geben, die ich verstehe. Außerdem würde ich gern wissen, wie eine kleine Zahl an Befragten repräsentativ für ein ganzes Land sein kann. Diese Zahlen werden immer geringer. Ich lese manchmal von 2000 oder 1000 Befragten. Neulich las ich sogar von nur 500 Befragten bei einer Umfrage. Die genannte Prozentzahl wurde dann auch noch als große Mehrheit bezeichnet. Ich kann nicht nachvollziehen wie so wenig Befragte für 80 Millionen repräsentativ sein können? Für mich ist dies gezielte Meinungsmache!

Lieber Herr Kaufmann,

danke für Ihre Nachricht. Entschuldigen Sie meine späte Antwort. Zu Ihrer Frage, wie die Ergebnisse anderer Meinungsforschungsinstitute zustande kommen, kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben, weil wir nicht im Detail wissen, wie diese ihre Daten erheben und auswerten. Das von uns beauftragte Institut Infratest dimap legt besonders großen Wert auf die Qualität der Datenerhebung und Auswertung, z.B. bei der Stichprobenziehung, bei der wir neben Festnetztelefonnummern auch Mobilfunknummern einbeziehen. Zu Ihrer Frage zu den Wählerströmen: Im DeutschlandTREND fragen wir neben den aktuellen Parteipräferenzen auch immer das Wahlverhalten bei der letzten Bundestagswahl ab. Aus dieser Kombination kann berechnet werden, für welche Partei die aktuellen Anhänger der AfD bei der Bundestagswahl 2013 gestimmt haben. Damit dies auf einer ausreichend großen Datenbasis geschieht, haben wir für die im DeutschlandTREND am 03.12. veröffentlichten Wählerströme knapp 10.000 Interviews (erhoben von September bis Dezember) zusammengefasst und ausgewertet.

Westdeutscher Rundfunk, Friederike Hofmann, Chefredaktion Fernsehen

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Sehr geehrter Herr Kaufmann,

in Vertretung für Herrn Bosbach darf ich kurz auf Ihre Frage eingehen.
Sie sprechen da ein wichtiges Problem an, das wir in Kapitel 7 des Buches „Lügen mit Zahlen“ ausführlich behandelt haben.

In der Tat ist es für Meinungsforscher schwierig, von relativ kleinen Stichproben wie 1000 Personen (oder gar 500) auf die Gesamtbevölkerung zu schließen. Das liegt am sog. Lotterieeffekt: In der Stichprobe können sich zufällig besonders viele Vertreter einer Gruppe (z. B. AfD-Wähler) häufen. Dazu kommen Probleme mit der Repräsentativität der Stichproben: Manche Berufsgruppen z.B. sind kaum am heimischen Telefon zu erreichen. In der Antwort der ARD finden Sie deshalb den Hinweis, dass auch Handynummern angerufen wurden.
In der Folge sind oft nur relativ ungenaue Schlüsse auf die realen Mehrheitsverhältnisse möglich. Die Institute müssten also eigentlich so etwas sagen wie sagen: 10 % AfD +/- 2 Prozentpunkte.

Schließlich versuchen die Institute auch noch, Unterschiede zwischen Umfrageaussagen und tatsächlichem Wahlverhalten zu berücksichtigen. Viele Menschen behaupten z. B. am Telefon, sie würden die und die Partei wählen, gehen dann am Wahltag aber gar nicht hin, oder wählen doch etwas anderes. Die Institute versuchen, solche Abweichungen mit allerlei empirischen Methoden aus den Rohdaten ihrer Umfragen herauszukorrigieren. Dabei können sie zu sehr unterschiedlichen (und auch falschen) Ergebnissen kommen, gerade dann, wenn erst wenig Erfahrungswerte mit dem realen Wahlverhalten von AfD-Anhängern vorliegen.

Zu den Wählerwanderungen: Die Institute fragen am Telefon: Welche Partei haben Sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt? Welche würden Sie heute wählen? Wenn dann jemand sagt: letztes Mal CDU, heute AfD, wird er als Wanderer von CDU zu AfD gezählt. Wenn er sagt: letztes Mal gar nicht, heute AfD, wird er als Wanderer Nichtwähler > AfD gezählt.
Problem: Bei 1000 Befragten sind das oft nur 2 oder 3 Nasen für eine dieser Optionen, also stark zufallsabhängig. Deshalb kumuliert Infratest offenbar diese Zahlen aus mehreren Sonntagsfragen; damit die Zahlenbasis größer ist. So können sie allerdings bei den Wählerwanderungen nur einen längerfristigen Trend ermitteln und nicht mehr kurzfristige Schwankungen, wie sie etwa von Einzelereignissen wie den Silvestervorfällen ausgelöst wurden.

War das so verständlich?

Mit freundlichen Grüßen
Jens J. Korff

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Sehr geehrter Herr Korff,

vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Ihre Erklärung ist sehr vorbildlich und verständlich. Wieso sind Menschen die ich mit meinen GEZ-Gebühren bezahle dazu nicht in der Lage oder nicht Willens? Das schlimme ist, dass Sie meine Vermutung bestätigen, es handelt sich bei diesen Umfragen nur um Augenwischerei. Leider gibt es viele die auf solche gemachten Trends aufspringen! Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass Ihr Buch seit einiger Zeit auf meiner Liste zu lesender Bücher steht. Aber wie heißt es so schön: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Aufmerksam wurde ich auf Sie und Herrn Bosbach durch die Nachdenkseiten. Vielen Dank für Ihre Mühe und weiter so!

Mit freundlichen Grüßen aus Meerane
Ingo Kaufmann