Zahlenblog:

Erschreckende Zahlen zur Armut - neu und amtlich

20.09.2017 - 

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat das Statistische Bundesamt Ende August 2017 die Armutsgefährdungsquoten für 2016 nach verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorgelegt (aus dem Mikrozensus, PM 298/17). Die geringe Resonanz erstaunt, da Angela Merkel ja nicht müde wird zu verkünden: „Uns geht es gut.“ Ein paar Hinweise zu den Zahlen und der Bedeutung des Mikrozensus.

1. Die allgemeine Gefährdungsquote stagniert mit 15,7 % (!!!) auf dem höchsten Wert seit 2005.
2. Die Gefährdung der unter 18-Jährigen hat mit 20,2 % erstmalig die 20%-Marke überschritten.
3. Die Gefährdung der Rentner und Pensionäre ist mit 15,9 % oberhalb der allgemeinen Quote und auf dem Höchstwert seit 2005. Hier greift auch keine Rechtfertigung über zusätzliche Flüchtlinge. Die Auswirkungen der Veränderungen bei der gesetzlichen Rente sind massiv – 2006 war die Armutsquote mit 10,3 % noch deutlich niedriger!
4. Weiterhin sehr erschreckend sind die Armutsgefährdungsquoten zu Erwerbslosen (56,9 %), Alleinerziehenden (43,6 %), Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (35,5 %).

Der Mikrozensus ist mit einer Stichprobe von etwa 400.000 Haushalten und seiner Auskunftspflicht die m.E. aussagekräftigste Statistik in Deutschland und anderen Quellen zur Armutserfassung (kleinere Stichproben, an denen keiner teilnehmen muss) vorzuziehen.

Ja, Frau Merkel, Ihnen und ähnlich gelagerten Karrieren geht es in Deutschland gut. Die Armutsgefährdungsquote ist von 2006 bis 2016 aber von 14,0 auf 15,7 % rasant angestiegen, bei Rentnern und Pensionären sogar von 10,3 auf 15,9 % fast explodiert. Ihr Verweis auf die gesunkene Arbeitslosenzahl greift also zu kurz. Schön wäre, wenn solche Fakten im Wahlkampf zur Geltung kämen, Phrasen hat es wahrlich schon genug gegeben.

Gerd Bosbach, Köln, 17. September 2017

Weitere Informationen, z.B. über die Definition von Armut, können Sie unserem Buch „Die Zahlentrickser“ aus dem Kapitel 3, „Nebelkerzen gegen Arme“ entnehmen.

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