Zahlenblog: Umfragen

Zu den unstimmigen, verwirrenden und zum Teil verwunderlich starken Umfragewerten pro Karl-Theodor zu Guttenberg, trotz dessen Plagiatsaffäre

16.03.2011 - Wie lassen sich die ambivalenten Umfragewerte in der deutschen Bevölkerung erklären? Spielt Manipulation eine Rolle? Der Verdacht der Manipulation scheint bei einer derart merkwürdigen Konstellation mit einer unrühmlichen Plagiatsaffäre auf der einen Seite und dem zum Teil nach wie vor einem erstaunlich hohen Ansehen zu Guttenbergs in der deutschen Bevölkerung auf der anderen berechtigt. Stellt sich die Frage, wer wie manipuliert hat… (Johannes Kottmann)

Zunächst einmal muss unterschieden werden zwischen sämtlichen Online-Umfragen in Internetportalen und anderen Umfragen. Bei Online-Umfragen erhielt der ehemalige Verteidigungsminister bei weiten nicht die positiven Werte, die ihm bei telefonischen Umfragen gegeben wurden. Gegen die Online-Umfragen ist allerdings einzuwenden, dass sie nicht alle Teile der Bevölkerung erreichen, da nicht jeder Haushalt über Internet verfügt. Unter anderem auch deshalb sind die durchgeführten Online-Umfragen nicht repräsentativ. Es wäre deshalb bedenklich, dieser Art von Umfragen Glauben zu schenken.
Wann aber ist eine Umfrage repräsentativ? …wenn sie telefonisch oder persönlich erfolgt, zum zweiten, wenn sie in einem ausreichenden Maße verschiedene Bevölkerungsgruppen (hinsichtlich Alter, Geschlecht, Partei, Einkommen,…) abdeckt und drittens ausreichend viele Menschen befragt werden.
Betrachten wir nun repräsentative Umfragen, etwa die … von der Sendung »Hart aber Fair« durchgeführte, erhält zu Guttenberg … starke Zustimmung. Bei … der Umfrage von »Hart aber Fair« sprachen sich 72% der Befragten gegen einen Rücktritt zu Guttenbergs aus… Interessant ist … zu beobachten, wie zu Guttenberg bei dieser Umfrage auch die Gunst von 66% aller SPD-Wähler auf seiner Seite verbuchen kann. Obwohl doch die gesamte Opposition im Bundestag Stimmung contra Guttenberg und pro dessen Rücktritt verbreitete.
Wie lässt sich aber das starke Festhalten von überwiegenden Teilen der deutschen Bevölkerung erklären? Diese Frage kann man wie folgt beantworten: Der Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg hatte nicht nur den Status eines Politikers inne, sondern vereinte zugleich die Merkmale eines Pop-Stars mit Kultstatus. Zu Guttenberg brillierte bis zuletzt mit tadellosen Auftritten. Das äußere Erscheinungsbild ist attraktiv, stets stilvoll gepflegt. Seine Rhetorik anspruchsvoll ausgefeilt, ihren adeligen Verkünder würdigend. Einen Adeligen, der schon beinahe unfehlbar schien. Genau diesen Anspruch verkörperte er, und genau diesen Anspruch hatte er für sich: in seinen Rollen als Adeliger, Familienvater, Politiker und nicht zuletzt als Doktor der Rechtswissenschaften. Genau mit dieser sozialen Rolle als Doktor der Rechtswissenschaften ist der bis dahin vorbildliche Politiker zu Guttenberg, der aber auch eine Vorbildfunktion innehat, unfreiwillig negativ in den Fokus der Medien gerückt. Dies war aber für den Großteil der Bevölkerung offenbar kein Grund, von ihrem Lieblingspolitiker und politischen Hoffnungsträger abzurücken. So lassen sich die nach wie vor erstaunlich starken Umfrageergebnisse pro zu Guttenberg erklären. Es war im Grunde genommen der Ex-Minister selber, der mit seiner gekonnt guten Außendarstellung auf der politischen Bühne die repräsentativen Umfragewerte zu seinem Vorteil manipuliert hat – nicht zuletzt mit seiner Rücktrittserklärung. Somit bleibt als ein letzter Eindruck, ein aufrichtiger und korrekter Mensch, der seine politischen Ämter abgibt, indem er rituell entschuldigend zu seinen von ihm begangenen Fehlern steht und seine eigenen Grenzen eingesteht. »Karl-Theo, komm zurück und werde deinem guten Ruf gerecht!« Der erste Schritt für ein umjubeltes Comeback ist mit der Rücktrittserklärung bereits getan.

Johannes Kottmann, Neumünster
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Anmerkung von Jens Jürgen Korff:
Wie hier im Zahlenblog ausgeführt, können auch telefonische Umfragen auf stark vorsortierten Stichproben beruhen. Die Umfrage von »Hart aber fair« scheint allerdings deutlich repräsentativer abgelaufen zu sein als die der Bild-Zeitung. Wichtig ist, dass die Interviewer von sich aus zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger anrufen.