Zahlenblog:

Zu wenig Jugendliche? – Der letzte Deutsche? Angstmache und Realität

31.03.2015 - Seit gut 10 Jahren bestimmt die Angst vor der demografischen Entwicklung sozialpolitische Entscheidungen. Meldungen über Fachkräftemangel, zu wenig Zahler für die Rente, Ärztemangel, … berufen sich auf die angebliche zu niedrige Geburtenrate und die zunehmende Lebenserwartung.

So titelte der Spiegel im Januar 2004 plakativ: „Der letzte Deutsche – Auf dem Weg zur Greisenrepublik“ und zeigte als Titelbild das ‘einzig übrig gebliebene deutsche Kind‘.

Die so erzeugte Angst sitzt oft tief, selbst eindeutigen, zahlenmäßigen Widerlegungen – s. z.B. die anliegende Analyse der Daten über den angeblichen Fachkräftemangel – wird meist nicht getraut. Deshalb hier zunächst ein Auszug aus Überschriften anderer Pressemeldungen, der den Blick auf tatsächlich zu lösende Probleme lenken kann.

  • Studenten in Deutschland: So viele gab es noch nie (Spiegel Nov. 2014)
  • Ausbildung – Arbeitsagentur beklagt Lehrstellenmangel (epd, zitiert nach K St-A Okt 2014)
  • 511.600 Ausbildungsstellen stehen 559.400 Bewerber gegenüber (PM der Bundesagentur für Arbeit, Okt 2014)
  • Viele Betriebe bilden keine Migranten aus (dpa, zitiert nach Handelsblatt Jan. 2015)
  • Zu große Klassen, zu wenig Lehrkräfte (WDR 5, August 2014)
  • Zu wenige Plätze für zu viele Kinder (K St-A März 2015)
  • Europas Politik sorgt sich um eine verlorene Generation (über den europäischen Gipfel zur Jugendarbeitslosigkeit, DW November 2014)
  • Ungenutztes Arbeitskräftepotenzial: 6,3 Millionen wollen (mehr) Arbeit (PM des Statistischen Bundesamtes Jan. 2015)

Was denn nun? Sterben die Deutschen aus oder gibt es zu viel Nachwuchs?
Fakt ist: Für die existierenden Kinder und Jugendlichen gibt es zu wenige Plätze in Kitas, Schule, Ausbildung und Studium. Ein mehr an Kindern würde diesen Mangel nur verschärfen. Das Problem ist also nicht die Anzahl der Jugendlichen, sondern deren vernünftige Ausbildung. Wird hier keine Lösung gefunden, kann es in Zukunft tatsächlich schwierig werden.
Nur ist daran nicht die Demografie schuld, sondern das Sparen am falschen Ende.

Zwei Hinweise mögen das untermauern:

1. Der „demografisch bedingte Ärztemangel“ ist eine Mär, die auch durch ständige Wiederholung nicht wahr wird. Wenn wir einen generellen Ärztemangel haben, beruht der auf einem seit Jahrzehnten sehr scharfen Numerus Clausus, der zig Tausend jungen Leuten das Medizinstudium aus Kostengründen verweigert hat. Hier werden eindeutig Einsparungen im Bildungsbereich als demografisches Problem kaschiert.

2. Selbst im „absoluten Mangelberuf“ Pflegekräfte werden Bewerber immer noch von Pflegeschulen abgewiesen, gibt es immer noch Schulgeld und werden die ausgebildeten Kräfte trotz stressiger Schicht- und Wochenendarbeit mangelhaft bezahlt.
Auch hier dient die Demografie nur als Sündenbock um von Sparmaßnahmen abzulenken.

Bei der Diskussion über fehlende junge Arbeitskräfte kommt fast immer der Verweis auf niedrige Geburtenraten in Deutschland. Das greift zu kurz. Denn durch Zuwanderung von Kindern und Jugendlichen erhöht sich die Anzahl junger Leute. So gab es Anfang 2014 nach den Daten des Statistischen Bundesamtes 500 Tausend mehr 18 bis unter 25-Jährige als nach der Geburtenstatistik erwartet – pro Jahrgang im Schnitt also ein Plus von über 70.000! Für die Gruppe der 25 bis unter 40 Jährige beträgt das Plus sogar 2,3 Millionen oder gut 150 Tausend pro Jahrgang!
Leider hält damit die Anzahl von Arbeits- und Ausbildungsplätzen nicht mit.

Regionale und einige sektorale Probleme stehen zum Gesagten nicht im Widerspruch. Sie bedürfen, wie auch in der Vergangenheit, kreativer Lösungen, die durch den falschen Hinweis auf generellen Kindermangel aber eher erschwert werden.

Schlussfolgerung:
Es mangelt nicht an jungen Menschen sondern wie viele Fakten belegen an vernünftiger Bildung und Ausbildung!
Die „schwarze Null“ der Finanzminister lässt leider keine gute Lösung erwarten, so dass der Sündenbock Demografie wohl noch länger durch das Land und seine Medien getrieben wird.

Freundliche Grüße
Gerd Bosbach, Jens Jürgen Korff

Veröffentlicht auf www.sen-muenchen-land.de