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„Hinter scheinbar objektiven Zahlen verbergen sich oft subjektive Interessen“

G.I.B. Info, 30 Dezember 2014, 11:26

Ausführliches Interview mit Gerd Bosbach im G.I.B.-Info über falsche Panikmeldungen (Fachkräftemangel, Kostenexplosion im Gesundheitswesen), die Qualität von Prognosen, die Nutznießer von Falschmeldungen und Tipps, wie man Lügen erkennen kann.

Ein Auszug aus dem Interview:

G.I.B.: Wie sehen Ihre eigenen Berechnungen im Themenfeld Fachkräftemangel aus? Zu welchen Ergebnissen kamen Sie bei Ihrer Analyse?

Prof. Dr. Gerd Bosbach: Niemand kann voraussagen, wie sich die Bevölkerung in Deutschland entwickeln wird. Ich bin bei meinen Überlegungen deshalb vorsichtig davon ausgegangen, dass sie sich so entwickeln wird, wie es uns meist vorgestellt wird. So hat das Statistische Bundesamt prognostiziert – und darauf berufen sich fast alle Dramatiker –, dass die Zahl der erwerbsfähigen Personen bis 2060 um 34 Prozent sinkt. Ich kam, um das Ergebnis vorwegzunehmen, ohne die Taschenspielertricks der Dramatiker auf einen Rückgang des Anteils der Erwerbsfähigen von jährlich 0,23 Prozent, also eine völlig andere Dimension.

Wie kann das sein? Hexerei eines Zahlenkünstlers? Nun, zunächst habe ich mir gesagt: Wenn, wie den Berechnungen zugrunde gelegt wird, die Bevölkerung um 20 Prozent zurückgeht, dann brauchen wir auch 20 Prozent weniger Erwerbsfähige. Wenn ich diese simple Tatsache einberechne, entdramatisiert sich der Rückgang sofort erheblich. Wenn ich außerdem, – was die Dramatiker der Dramatik zuliebe unterlassen –, die Rente ab 67 berücksichtige und 2060 als Erwerbsfähige die Gruppe der 20- bis 67-Jährigen nehme m. E. eine sehr vorsichtige Annahme, da heute teilweise schon über ein Renteneintrittsalter von 70 diskutiert wird , so beträgt der Rückgang nur noch 12,6 Prozent. Das hieße: Von gegenwärtig acht Erwerbsfähigen fällt bis 2060 nur eine oder einer weg und diese Person müsste auch nicht gleich morgen ersetzt werden, sondern erst innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Und das soll ein Anlass für Panik sein?

Unberücksichtigt ist bei dieser Berechnung noch der schwer prognostizierbare Anstieg der Produktivität. Wenn aber, wie ein Gegenargument lautet, unsere Wirtschaft eine Produktivitätssteigerung in der Größenordnung von einem Prozent pro Jahr nicht mehr hinbekäme, dann hätten wir als exportorientiertes Land ganz andere Probleme als die demografische Entwicklung. Wir wären schlicht als Wettbewerbswirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig. Wenn sie aber, wovon auszugehen ist, zur Erhaltung der Wettbewerbswirtschaft eine steigende Produktivität erreicht, dann wird sie 0,23 Prozent Rückgang des Anteils Erwerbsfähiger pro Jahr spielend verkraften können.

Mein Fazit: Da auch kleine Veränderungen über sehr lange Zeiträume betrachtet zu großen Zahlen führen, dramatisiert der 50-Jahres-Blick aktuell zu lösende Probleme. Stellen Sie sich nur vor, man hätte Konrad Adenauer 1960 aufgefordert, alle Umwälzungen bis 2010 zu bewältigen! Praktisch helfen uns 50-Jahresveränderungen nicht weiter. Viel realistischer ist der Blick auf jährliche Veränderungsraten.

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