Zahlenblog:

Deutsche Wirtschaft weniger von Exporten abhängig als manche glauben

28.04.2021 - 

»Unsere Wirtschaftsleistung besteht fast zur Hälfte aus Exporten«, behauptet Alexander Hagelüken in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 3.4.2021. Die Exportquote scheint das zu belegen. Doch sie verzerrt die Lage.

Die sog. Exportquote, das Verhältnis zwischen Exportsumme und Bruttoinlandsprodukt (BIP), betrug nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in der Tat
2015 46,9 %
2017 47,2 %
2019 46,9 %.
Die vorläufige Zahl für 2020 liegt deutlich tiefer: 43,8 %.

Doch das Statistische Bundesamt (Destatis) schränkt die Bedeutung dieser Zahlen ausdrücklich ein: »Da in den Exporten auch importierte Güter enthalten sind, darf die Exportquote nicht als Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt interpretiert werden. Den Anteil des Bruttoinlandsprodukts, der durch Auslandsnachfrage induziert ist, zeigt die wesentlich niedrigere Exportabhängigkeitsquote des Bruttoinlandsproduktes.« Das bedeutet: Viele Güter und Leistungen, die als deutsche Exporte mitgezählt werden, wurden zuvor von deutschen Unternehmen importiert und dann direkt oder weiterverarbeitet ins Ausland weiterverkauft. Produziert oder bereitgestellt wurden sie in anderen Ländern – und in deren Exportquoten ebenfalls mitgezählt.

Weiter unten finden wir bei Destatis die Exportabhängigkeitsquote des BIP, d. h. »den Anteil des Bruttoinlandsproduktes (BIP), der durch die Auslandsnachfrage induziert wurde«. Sie betrug
2015 28,3 %
2017 28,8 %.

Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Das ist eine Menge, aber viel weniger als „fast die Hälfte“, wie Hagelüken gesagt hat. Diese Quote lässt den umgekehrten Schluss zu: 71 bis 72 % des BIP wurden vom deutschen Binnenmarkt initiiert. Das gilt vor allem für den sehr großen und sehr arbeits-intensiven Anteil des BIP, der in Dienstleistungsbranchen entsteht (rund 70 %): in Gesundheitswesen, Finanzdienstleistung, Medienbetrieben, Kulturwirtschaft, Beratungsgewerbe, Bildungswesen, Einzelhandel, öffentlichen Diensten usw. – all den Feldern, von denen leider bislang eher selten die Rede ist, wenn man von deutscher Wirtschaft und der Basis des deutschen Wohlstands spricht.

Zur Sinnhaftigkeit der Kategorie „Export“ nehme ich auf widersprechen.net Stellung.

Jens Jürgen Korff
28.4.2021