Zahlenblog:

Überraschende Fakten zum Fachkräftemangel

17.02.2020 - 

Hinweis Nr. 54: Zum Thema Fachkräftemangel haben sich wieder einige Fakten angesammelt, die dem öffentlichen Bild vom demografisch bedingten Fachkräftemangel deutlich widersprechen. 1. Aktuell (Ende Januar 2020) fehlen 35.000 Ausbildungsplätze, nicht Bewerber. 2. Versäumnisse der Vergangenheit mit Wirkungen auf heute: a) Im Jahr 2007 gab es über 200.000 Ausbildungsplatzbewerber mehr als Stellen. Hätte man die damals ausgebildet, wären sie die heute gesuchten unter 40jährigen Fachkräfte! b) Streichung des Schulgeldes in der Pflege erst seit 2017 geplant und erst jetzt umgesetzt. c) Streichung des Schulgeldes für angehende Erzieher wird bisher nur diskutiert.

1. Nachvermittlung auf dem Ausbildungsmarkt – 11.000 Stellen stehen 46.000 Bewerber gegenüber
Leicht zu übersehen, deshalb wohl auch kaum beachtet, hat die Bundesagentur für Arbeit am 30. Januar 2020 erklärt: „Von Oktober 2019 bis Januar 2020 waren insgesamt 67.000 Ausbildungsstellen noch zum sofortigen Beginn gemeldet, die besetzt werden sollten. Davon waren im Januar noch 11.000 unbesetzt. Gleichzeitig waren 64.000 Bewerberinnen und Bewerber gemeldet, die weiterhin, erneut oder erstmalig eine Ausbildung zum sofortigen Eintritt suchten. Insgesamt waren im Januar 2020 – zum Ende der Nachvermittlung – noch 27.000 gemeldete Bewerberinnen und Bewerber unversorgt sowie weitere 19.000 trotz vorhandener Alternative weiterhin auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle.“ (Presseinfo Nr. 06, Der Arbeitsmarkt im Januar )
Ziemlich verwirrend formuliert, deshalb in unseren klareren Worten: Trotz des dauernden Geredes von Fachkräftemangel fehlen heute mindestens 35.000 Ausbildungsplätze für ausbildungswillige und gemeldete Jugendliche.

2. Heute spüren wir die Versäumnisse der Vergangenheit
a) Bei der Recherche zu einem noch unveröffentlichten Artikel bin ich auf Zahlen des Jahres 2007 gestoßen und formuliere:
„Nach Angaben vom Bundesinstitut für Berufsbildung standen noch im Jahre 2007 den 734.000 Ausbildungsplatzbewerbern nur 516.000 Ausbildungsplätze gegenüber, obwohl öffentlich schon vor Fachkräftemangel gewarnt wurde.“ Die damals überwiegend 15- bis 20-Jährigen Jugendlichen könnten heute 28- bis etwa 33-Jährige Fachkräfte sein.

b) Erst 2017 wurde im Pflegeberufegesetz festgelegt: „Zukünftig wird kein Schulgeld mehr gezahlt werden.“ Noch Mitte 2019 mussten die Gesundheitsminister der Länder bei ihrer Konferenz in Leipzig das Bundesgesundheitsministerium daran erinnern. (MDR-Meldung vom 6.6.2019 ). U.a. das Land Mecklenburg-Vorpommern übernahm inzwischen in Eigenbezahlung ab dem Schuljahr 2019/2020 das Schulgeld wenigstens für Pflegeberufe. „Neun Bundesländer haben das Schulgeld schon abgeschafft“, zitiert die Süddeutsche am 24.10.2018 einen Politiker. Ist das Wort „schon“ angesichts des jahrelang bekannten Defizits nicht eigentlich ein Skandal?

c) „Schulgeldfreiheit für Erzieherinnen- und Erzieherausbildung diskutiert“ titelt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am 10.7.2019 und weiter im Artikel : „Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat angekündigt, das Schulgeld für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern abschaffen zu wollen.“ Wundert so der Mangel? Von den zukünftig zu erwartenden Löhnen lässt sich eine spätere Rückzahlung der Schulgeld-Schulden kaum bewältigen.

3. Die Versäumnisse von heute mit Wirkung für morgen
Heute gibt es ständig Meldungen über zu wenige Lehrer, fehlende und kaputte Schulgebäude, wie „Schulen platzen aus allen Nähten“, Kölner Stadt-Anzeiger 4.2.2020. Zusammen mit den oben aufgezeigten Ausbildungsplatzdefiziten scheinen wir den Mangel der nächsten Jahrzehnte vorzubereiten. Dafür wird dann sicherlich wie heute die Demografie verantwortlich gemacht und nicht das heutige Sparen in Bildung, Ausbildung und bei den Löhnen.

4. Mit den genannten Argumenten wird nicht verneint, dass in einzelnen Berufen und Regionen ein Defizit an Fachkräften vorliegt. Er ist aber überwiegend selbst verschuldet und betrifft bei weitem nicht alle Berufe und Regionen, wie eine „Engpassanalyse“ der Bundesagentur für Arbeit belegt. Die Konsequenzen aus der (angeblichen?) Angst vor dem Fachkräftemangel sind bei Weitem nicht ausreichend.

Gerd Bosbach
10. Februar 2020, Köln

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Darauf gab es Leserreaktionen und Veröffentlichungen:

  1. Veröffentlicht auf NachDenkSeiten
  2. Veröffentlicht auf norberthaering.de
  3. Ergänzung eines ehemaligen Berufsberaters der BA auf norberthaering.de
  4. Briefwechsel mit Dr. Andy Schieler

Lieber Herr Bosbach,
vielen Dank für den stets erfrischenden Zahlenperspektivwechsel. Nun würde mich interessieren, inwiefern sich auch hier die Katze in den Schwanz beißt und sich der Ausbildungsstellenmangel, nicht nur, aber auch, auf einen (Lehr-)Fachkräftemangel zurückführen lässt.
Herzliche Grüße
Andy Schieler
Dr. Andy Schieler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter (IBEB)
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Lieber Herr Schieler,
danke für das Lob.
Ja, das von Ihnen Geschriebene wollte ich auch andeuten, ohne es faktisch belegen zu können.
Aber (psycho)logisch klar ist: Mit guter Ausstattung an Grund- und Hauptschulen hätten wir sicherlich mehr taugliche Bewerber*innen. Allerdings sind die anerkannten Ausbildungsplatzbewerber der BA vorher auch schon getestet, erscheinen wahrscheinlich sonst auch nicht in der Statistik. Habe aber weder Test noch Umgang mit „Untauglichen“ untersucht. Vielleicht ein Thema für eine Thesis, mit Ergebnis/Betreuung gerne bei mir.
Dazu kommt ja auch die persönliche (Fehl)Entwicklung: In der Schule kein Selbstbewusstsein erlernt, lässt weder gut lernen noch aktiv suchen. Und dann werden Auswege für das Selbstbewusstsein gesucht, …. Also klar, Mangel an Lehrkräften hat für die Jugend (und die Gesellschaft) schlimme Wirkungen. Deshalb versuche ich ja auch, so laut zu aufzuschreien wie möglich. Aber das Problem des Gehörtwerdens kennen Sie ja selbst.

Sonnige Grüße aus Köln
Gerd Bosbach