Zahlenblog:

Ein Pfund Feinstaub pro Kubikmeter Luft? Lungenarzt hat sich beim Diesel-Raucher-Vergleich "verrechnet"

06.03.2019 - 

Im Januar 2019 hatten der Lungenarzt Dieter Köhler und über 100 Kollegen Aufsehen erregt mit ihrer Kritik an den angeblich viel zu strengen Grenzwerten für die von Dieselmotoren ausgestoßenen Stickoxide und Feinstäube. Sofort sprangen Verkehrsminister Andreas Scheuer und viele andere Fans der deutschen Autoindustrie mit ins Boot der Luftverschmutzungsleugner. Doch taz-Redakteur Malte Kreutzfeldt hat Köhlers Zahlen überprüft. Sie stimmen hinten und vorne nicht.

Köhler hatte den Grenzwert für Stickoxide in der Atemluft mit den Stickoxiden im Zigarettenrauch verglichen. Kreutzfeldt kam beim Überprüfen der Rechnung zu dem Ergebnis: „Köhlers Vergleich macht wissenschaftlich keinen Sinn, aber selbst wenn man sich darauf einlässt, steht am Ende die Feststellung: Wer an einer viel befahrenen Straße wohnt, atmet während eines Lebens von 80 Jahren so viel Stickoxide ein wie ein starker Raucher in 6 bis 32 Jahren. Köhler behauptet stets, es handle sich lediglich um die Dosis von wenigen Monaten Rauchen.Dazu hat er in früheren Publikationen eine detaillierte Rechnung vorgelegt.“

Lungenarzt mit Rechenschwäche – taz 13.2.2019

In Köhlers Vergleichsrechnung zum Feinstaub ist der Rechenfehler noch viel größer. Köhler hat den Kondensatgehalt von Zigaretten mit den Feinstaub-Grenzwerten für den Straßenverkehr verglichen. 10 mg Kondensat pro Zigarette in 10 l Atemluft ergibt nicht 100 g (wie Köhler behauptet hatte), auch nicht 10 g, sondern 1 g/m³. Das ist 20.000 Mal (und nicht 1 Million Mal, wie Köhler behauptet hatte) über dem Grenzwert für Atemluft in Wohngebieten im Tagesdurchschnitt (50 µg/m³). Betrachten wir die Tagesbelastung eines Rauchers, der 20 Zigaretten am Tag raucht, verteilen sich 200 mg Kondensat auf 11,5 m³ Atemluft pro Tag (8 l pro Minute * 60 * 24 / 1000). Das sind 17,4 mg/m³ (oder 17.400 µg). Damit liegt der Raucher 347 Mal (und nicht 1 Million Mal, wie Köhler behauptet hatte) über dem Grenzwert von 50 µg.

Das Ganze ist praktisch nur ein Rechenspiel, denn diese Vergleiche von kurzfristigen Spitzenbelastungen (Zigarette) mit einer permanenten Dauerbelastung (Atemluft für alle) halten andere Pneumologen insgesamt für unseriös. „Das ist schon aufgrund des unterschiedlichen zeitlichen Zusammenhangs nicht sinnvoll“, meint Wolfgang Straff, Mediziner und Abteilungsleiter für Umwelthygiene beim Umweltbundesamt.

Abschließend ein großes Lob für Malte Kreutzfeldt und die taz dafür, dass sie sich von siegesgewiss vorgetragenen Zahlen eines angeblichen Fachmanns nicht haben einschüchtern lassen und im Detail nachgerechnet haben. Anders als die 107 Lungenärzte, die ihren Namen für Köhlers Behauptungen hergegeben haben; anders als „Bild“, „Hart aber fair“ und viele andere Medien, anders als Bundesverkehrsminister Scheuer und sein Stab. Keiner von denen stolperte über Köhlers absurde Behauptung, die Atemluft eines Rauchers enthalte 100-500 g, also ein Pfund Feinstaub pro m³.

Jens Jürgen Korff