Zahlenblog:

"Nackte" Sterbezahlen für 2020 veröffentlicht - wichtige Einflussgrößen unberücksichtigt

22.01.2021 - 

Heute Mittag hat das Statistische Bundesamt die vorläufigen Sterbefallzahlen für die ersten 52 Kalenderwochen 2020 vorgelegt (*1).

Der Blick auf die nackten, absoluten Zahlen : 2020 knapp 41 Tausend mehr Tote als im Schnitt der Jahre 2016 bis 2019 (+ 4,0 ) und knapp 20 Tausend mehr Tote als 2018 (+ 2,1, 2018 war das Maximum der Jahre 2016 bis 2019) scheint eine deutliche Corona-bedingte Übersterblichkeit zu belegen. Wie so oft ist der Blick auf die absoluten Zahlen aber unzureichend (*2), da
a) ein Land mit wachsender Bevölkerung auch mehr Sterbende erwarten lässt, vor allem, wenn
b) die Altersgruppe 80+, aus der weit über 50 Prozent der Sterbenden kommt, deutlich gewachsen ist.
Diese Selbstverständlichkeit kennt auch das Statistische Bundesamt, hat aber auf eine Berücksichtigung verzichtet zugunsten der einfacheren und transparenteren Rechnung mit absoluten Zahlen. (*3)

Meines Erachtens verzerrt das die notwendige Interpretation der Daten, da in Deutschland
a) die Bevölkerungszahl von 2016 bis 2020 um knapp eine Millionen Menschen gestiegen ist (genau 999.100 oder 1,2%) und dabei zusätzlich gilt:
b) Der Anteil der Menschen, die 80 oder älter sind, hat sich von etwa 5,8 % am Anfang 2016 auf gerundet 6,8 % zum Start in 2020 um fast 20 Prozent erhöht (exakt +18,7%).
Beide Faktoren hätten auch ohne Corona steigende Sterbezahlen erwarten lassen. Da zusätzlich „eine Hitzewelle“ in den Monaten August und September zu über 9.000 mehr Toten als normal geführt hat (*4) sind die 40.973 mehr Tote in 2020 nur teilweise als Corona-Übersterblichkeit zu interpretieren.

Damit diese Kritik nicht bequem in die Schublade Corona-Leugner abgeschoben werden kann: Die Faktendarstellung leugnet weder Corona noch Corona-Tote und ihr Leid, sie erwähnt zu berücksichtigende, wichtige Hintergrundvariable wie die Bevölkerungsgröße und die Alterung der Gesellschaft.

Gerd Bosbach
Köln, 22. Januar 2021

(*1) Die Darstellung bezieht sich auf ganze Kalenderwochen, da Sterbemeldungen vom Wochentag abhängen. Monats- oder Jahresdaten müssten kalenderbereinigt werden.
(*2) Korff/Bosbach: „Lügen mit Zahlen“, HEYNE, 2012, Kap. 4 enthält viele anschauliche Beispiele dazu.
(*3) Wirtschaft und Statistik 4/2020, Sonderauswertung der Sterbefallzahlen 2020, S. 43
(*4) s. StaBu Sterbefallzahlen (Text und Download Datendatei)