Zahlenblog:

Zur Lage der Rente: Gerd Bosbach über die Hintergründe (Interview)

16.03.2020 - 

Hinweis Nr. 57 von Bosbach/Korff: Für Ende März ist der Abschlussbericht der Rentenkommission „Verlässlicher Generationenvertrag“ angekündigt. Die zukünftige Höhe und Finanzierung der Renten ist kontrovers, das Thema erscheint unübersichtlich. Der Mathematiker und Rentenexperte Prof. Dr. Gerd Bosbach beantwortet Fragen von Jens Jürgen Korff zum Hintergrund dieser Auseinandersetzungen.

KORFF: Rentenkommission, Experten – das klingt alles sehr kompetent und unpolitisch. Wird die Kommission uns sagen, wie die Lage ist bei der Rente und beim Generationenvertrag?

BOSBACH: Das ist ganz neutral nicht zu erwarten. Die versammelten Experten haben in der Kommission einiges geklärt, aber anderes wird wohl in Kommissionen vertagt oder der Bundesregierung als Aufgabe übergeben. Berichte und Prognosen zum Thema Rente sind häufig interessengeleitet und politisch gefärbt, auch dann, wenn sie von Experten kommen. Das haben wir bereits erlebt, als der Ökonom Axel Börsch-Supan im April 2018 zum Start der Kommissionsberatungen versucht hat, die Diskussion mit konstruierten „Sachzwängen“ in eine bestimmte Bahn zu lenken. (Siehe Hinweis 51 und Hinweis 55 )

KORFF: Eine zentrale Frage ist ja: Steigen die Kosten der gesetzlichen Rente ins Unermessliche?

BOSBACH: Experten wie Börsch-Supan versuchen, diesen Eindruck zu erwecken, indem sie auf absolute Zahlen verweisen: Die Ausgaben der Deutschen Rentenversicherung sind von 2000 bis 2018 massiv gestiegen: Von 214 auf 308 Milliarden €. Das sieht auf den ersten Blick erschreckend aus. Doch auf den zweiten Blick sieht man: In der gleichen Zeit ist auch unser allgemeiner Wohlstand, gemessen im Bruttoinlandsprodukt (BIP), um weit über 50 % gestiegen, von 2,1 auf 3,35 Billionen €. Um die Kostenentwicklung realistisch einschätzen zu können, müssen wir uns anschauen, wie sich die Ausgaben im Verhältnis zum BIP entwickelt haben. [1] Das sehen wir hier:

Grafik: Ausgaben der Rentenversicherung als Anteil vom BIP

KORFF: Das ist überraschend: Es ist keine Steigerung zu sehen. Alle reden von steigenden Rentnerzahlen, längeren Bezugszeiten und davon, dass die Renten in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Stimmt das denn alles nicht?

BOSBACH: Doch, das stimmt alles. [2] Trotzdem ging der Anteil unseres Wohlstandes, den wir für die gesetzliche Rente ausgegeben haben, in den 2000er Jahren zurück und hat sich zurzeit bei gut 9 % eingependelt. Wenn wir mehr Geld zur Verfügung haben, geben wir mehr für Urlaub aus, mehr für Autos, mehr für Gesundheit, mehr für Kommunikation… Warum dann nicht auch mehr für Renten, wenn die Zahl der Rentner gestiegen ist?

KORFF: Wie hat sich die Alterung der Gesellschaft dabei ausgewirkt?

BOSBACH: Die Lebenserwartung stieg seit 2000 um 2,2 Jahre bei den Frauen und um 3,4 Jahre bei den Männern. Der Anteil von 65+ an der Bevölkerung stieg um mehr als ein Drittel von 15 auf über 21 %. Trotzdem kann von einer „Unbezahlbarkeit“ der gesetzlichen Rente – zumindest für die Vergangenheit – keine Rede sein.

KORFF: Und in Zukunft? Wird dann nicht alles noch viel ärger als bisher?

Fortsetzung folgt!

Dieser und weiteren Fragen wollen wir in Kürze nachgehen, zum Beispiel:

  1. Können die Rentner Rentenverluste mit anderen Einnahmen ausgleichen?
  2. Wie sieht das deutsche Rentensystem im internationalen Vergleich aus?
  3. Geht es den Rentnern besser als früher?
  4. Stehen Rentner mit langer Erwerbsbiographie gut da?
  5. Wird in Zukunft alles noch viel ärger als bisher?

Gerd Bosbach, Köln
Jens Jürgen Korff, Aachen

[1] Weitere Erklärungen und Beispiele zu absoluten versus relativen Zahlen finden Sie im Kap. 4 von „Lügen mit Zahlen“.
[2] Fakten zu Rentenerhöhungen und Rentnerzahlen als PDF

Zum gleichen Thema ein Statement von Gerd Bosbach